Die Scherben der Landesgeschichte

Am 9. November brannten jüdische Häuser auch im Burgenland, die Verfolgung von Juden, Roma und politischer Gegner eskalierte. Zu Bruch ging dabei aber auch unsere Landes-Identität.

Erstellt am 30. November 2021 | 11:47
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In der Nacht auf den 10. November 1938 gingen im gesamten Deutschen Reich – zu dem sich seit ziemlich genau sieben Monaten auch das Burgenland zählen musste – die Scheiben von 250 Synagogen und tausenden jüdischen Geschäften und Versammlungsräumen zu Bruch. Der nächtliche Schein der Fackeln ließ die Millionen Glasscherben so schön funkeln, dass die Bezeichnung „Reichskristallnacht“ entstand. Zynismus ist eben eine Facette des Boshaften. Im Schein der schönen Scherben prügelten ehemalige Nachbarn hundert Mitmenschen jüdischen Glaubens zu Tode. Der Terror muss unvorstellbar gewesen sein, viele Menschen wählten den Freitod, 25.000 andere wurden in ein Konzentrationslager deportiert.

Auch im Burgenland wurden Synagogen verwüstet, etwa die große in Eisenstadt. Dass es noch einen anderen Tempel, die „Wertheimer-Synagoge“ gab, wusste der Nazi-Mob zum Glück nicht. Dennoch offenbarte sich allen Menschen, die den Mut hatten hinzusehen, was nun auf das Burgenland zukommen würde.

Flucht, Vernichtung und ausgebläute Heimatliebe

Das Burgenland war schon am 15. Oktober als Verwaltungseinheit aufgelöst und den Gauen Steiermark und Niederdonau zugeteilt worden. Bereits am 2. April forderte der von der Nazi-Partei NSDAP eingesetzte Landeshauptmann Tobias Portschy nach der „Lösung der Zigeunerfrage“ auch die der „Judenfrage“. Die erste Antwort auf diese Frage war ein Ausreise-Ultimatum. Etwa 1.000 der rund 4.000 jüdischen Burgenländer sollten bis 15. Juni ihre Heimat verlassen. Die Ausreise war mit Raub (über 4 Millionen Reichsmark erbeuteten die Nazis an jüdischem Besitz) und Gewalt verbunden. Ein Frauenkirchener Händler wurde nur aufgrund seines Ansuchens, die Ausreise um ein paar Tage aufschieben zu können, von der Gestapo in Eisenstadt stundenlang mit Eisenkappen-Stiefeln getreten, seine Nase habe sich danach „wie ein Schwamm angefühlt“, gab er nach gelungener Flucht in Palästina zu Protokoll. Dorthin schafften es nur 259 der 4.000, etwa 1.400 blickten in Wien, 500 in Ungarn und der Tschechoslowakei einer unsicheren Zukunft entgegen. Fast alle verbrachten ihre Flucht in bitterster Armut.

Zigeuner und Juden sind seit der Gründung des Dritten Reichs untragbar. Glaubt uns, dass wir diese Frage mit national- sozialistischer Konsequenz lösen werden. tobias portschy NS-Landeshauptmann des Burgenlandes

Zurück kehrten die Wenigsten. „Mir wurde die Heimatliebe ausgebläut“, schreibt etwa der Eisenstädter Weinhändler und Kunstsammler Sándor Wolf in einem Brief aus seiner neuen Heimat Haifa.

Diese Heimatliebe war etwas durchaus Gewachsenes in der jüdischen Gemeinde des Burgenlandes. Während in ganz Europa antisemitische Verfolgungen wüteten, hielten die Habsburger und vor allem die Esterházys ihre Hand über die kleine Glaubensgemeinde. In der Gemeinde Eisenstadt-Unterberg – eine von sieben burgenländischen Gemeinden, um die sich jüdische Burgenländer ansiedelten – sollten Juden bereits 1732 die Möglichkeit haben, ihre Bräuche wie die Shabbat-Ruhe zu leben. Noch 1924 notierte Leopold Moses, Bibliothekar der jüdischen Gemeinde Mattersdorf: „Wenn im Monat Elul im Burgenlande der Schofar ertönt, dann sagen die Bauern, dass die Juden den Herbst einblasen, wenn in Monaten der Dürre alle Bittprozessionen nicht helfen wollen, dann kommen sie zu den Juden und fordern sie auf, um Regen zu beten, und in Mattersdorf ist von den zwei dort bestehenden Ortsfeuerwehren die jüdische auch bei den Nichtjuden als die bessere anerkannt.“ 19 Jahre später sollte er in Auschwitz ermordet werden.

Die Vielfalt der Opfer und der Mut des Widerstandes

Wer erst gar keine Chance auf Flucht hatte, waren die Burgenland-Roma. Fast alle der – je nach Zählweise – 6.000 bis 8.000 kamen erst ins Lager Lackenbach und danach nach Auschwitz. Die Wenigsten kehrten zurück.

Auch die Kroaten sahen sich mit der Zwangs-Germanisierung der neuen „Volkstumsstelle“ konfrontiert. Besonders in Kirchen, Kulturvereinen und der Zeitung „Hrvatske Novine“ regte sich dagegen Widerstand. „Fernerhin kann ich feststellen, dass die Kroaten durchaus nicht harmlos sind“, musste sogar Portschy eingestehen.

Aber auch das Schicksal der Deutschen Volksgruppe soll sich nicht wiederholen. Kein Ort ohne Grabstein, auf dem nicht Stalingrad steht.

Dann wären da noch die Mutigsten unter uns, die sich mit der Fremdherrschaft nicht abfinden wollten. Der burgenländische Blutzoll unter den österreichischen Widerstandskämpfern ist ein besonders hoher. Ihre Folter, Furcht und Hinrichtung bildet die Grundlage, dass die Alliierten entschieden, Österreich einen Staatsvertrag zuzusichern.

Insgesamt haben in diesem dunkelsten Kapital Landesgeschichte nicht nur so viele Burgenländer ihr Leben oder zumindest ihr Lebensglück verloren, sondern auch das Burgenland ein Stückchen von dem, was es immer ausgemacht hat. Dieses Stück können wir uns wieder holen, indem wir zu Chanukah die jüdischen Museen, Mahnmale und Friedhöfe besuchen, uns die Musik der Auschwitz-Überlebenden Roma-Künstlerin Ceija Stojka anhören, einen Tamburica-Abend besuchen oder uns einfach einmal eine Minute Zeit nehmen und wertschätzen, dass keines unserer Kinder mehr in die Fremde ziehen muss, um dort auf andere Kinder zu schießen.