Die Schüsse von Schattendorf. Auslöser für Justizpalastbrand. Am 30. Jänner 1927 ging die Gemeinde durch einen bewaffneten Konflikt in die Geschichtsbücher ein.

Von Helga Ostermayer. Erstellt am 11. März 2021 (13:35)

Bewaffnete Zusammenstöße zwischen ungleich Wehrformationen waren die typische Form der kollektiven Gewaltanwendung in der politischen Auseinandersetzung der Klassengegner zwischen 1921 und 1927 im Land. In dieser Zeit konnte man immer wieder eine gesteigerte Neigung, die politischen und gesellschaftlichen Konflikte auf gewaltsamem Weg auszutragen, feststellen. So auch in Schattendorf. Am 30. Jänner 1927 wurde die Grenzgemeinde zum Schauplatz von Ereignissen, über die im Ort noch immer nicht gerne gesprochen wird und die im Verlauf ihrer Entwicklung zu den Ausschreitungen am 15. und 16. Juli in Wien und letztendlich zum Brand des Justizpalastes führten.

An jenem besagten 30. Jänner beabsichtigten zwei verschiedene politische Gruppierungen, die konservativen Frontkämpfer, wie auch der Republikanische Schutzbund, eine Versammlung im Ort abzuhalten. Da man eine Sprengung der eigenen Versammlung verhindern wollte, zog der Schutzbund aus den Nachbardörfern Verstärkung heran. Insgesamt kamen so 110 Personen zusammen. Um ein Blutvergießen zu verhindern, wollte man einen Zuzug von Frontkämpfern aus den Nachbarorten, insbesondere aus Loipersbach sowie aus Wien verhindern, dazu formierte man sich, um zum Bahnhof Loipersbach/Schattendorf zu marschieren, um die Ankommenden aufzuhalten. Etwa 15 Mitglieder der Frontkämpfer kehrten in das am Weg liegende Gasthaus Tscharmann ein, das als Vereinslokal der Schutzbündler galt.

Anfangs ging es durchaus friedlich zu, bis sich ein heftiges Wortgefecht zwischen den Kontrahenten entwickelte und einige Frontkämpfer zu den Waffen griffen. Angeblich wollte man Schüsse abgeben, um damit die Gendarmerie zu alarmieren. Die eingekehrten Schutzbündler eilten daraufhin den anderen Richtung Bahnhof nach. In Unkenntnis der Vorfälle in Schattendorf marschierten etwa 30 Frontkämpfer aus Loipersbach zum Bahnhof. Dort versperrten ihnen die Schutzbündler den Weg und es kam bereits zu ersten tätlichen Auseinandersetzungen. Auch weitere mit dem Zug ankommende Frontkämpfer wurden per Handgreiflichkeiten zur Umkehr aufgefordert.

Die Frontkämpfervereinigung und der Republikanische Schutzbund einigten sich schließlich, ihre Versammlungen in Schattendorf abzusetzen und wieder nach Hause zu gehen. Auf dem Heimweg kamen die Schutzbündler abermals in Schattendorf beim Gasthaus Tscharmann vorbei, als plötzlich mehrere Schüsse fielen, die angeblich wegen provokanter Ausrufe aus dem Gasthaus und dem Tscharmann-Wohnhaus heraus gefeuert wurden. Durch die abgefeuerten Schüsse wurden sechs Personen, alle aus Schattendorf, verletzt. In der Schussrichtung, etwa 30 Meter entfernt, stand auch eine Gruppe von Kindern. Der siebenjährige Josef Grössing wurde tödlich getroffen.

Auch der 40- jährige Klingenbacher Schutzbündler Matthias Csmarits, der sich rund zehn Meter vor dem Gasthaus aufhielt, starb durch eine Schrotladung in den Kopf. Am 2. Februar fanden die Begräbnisse der beiden tödlich Getroffenen statt. Die Trauerfeierlichkeiten in Schattendorf und Klingenbach gestalteten sich zu einer beeindruckenden sozialdemokratischen Trauerkundgebung.

Am Begräbnistag wurde zum Gedenken an die beiden Toten in ganz Österreich für 15 Minuten die Arbeit niedergelegt. Bei der Trauerfeier für das erschossene Kind sollen an die 10.000 Menschen und zehn Musikkapellen teilgenommen haben. Am 5. Juli begann gegen die Frontkämpfer Josef und Hieronymus Tscharmann sowie Johann Pinter der Prozess im Wiener Landesgericht. Die Angeklagten bestritten die Abgabe der Schüsse nicht, jedoch gaben sie an, dass sie niemanden verletzten oder gar töten wollten. Die Angeklagten wurden mit neun gegen drei Geschworenenstimmen von jeder Schuld freigesprochen.

Dieser Freispruch löste bei der Arbeiterschaft in Österreich Empörung aus, die vor allem in Wien bei Demonstrationen in einer spontanen Entladung von Gewalt mit 89 Toten und dem Brand des Justizpalastes endete. In der Gemeinde Schattendorf wurde 2018 zum Gedenken an dieses Ereignis, das dem Ort eine Eintragung in die Geschichtsbücher einbrachte, ein Museum zum Thema „Schüsse von Schattendorf“ eingerichtet. Jeder Geschichtsinteressierte kennt seither den Ort an der ungarischen Grenze, aber die Bewohner selbst könnten auf die unfreiwillige „Berühmtheit“ ihres Dorfes gerne verzichten.