Ungarn: Unsere 1.000-jährige Ex-Heimat. In der ungarischen Landesgeschichte findet man so manche Antwort auf die Frage, wieso wir Burgenländer eigentlich so geworden sind, wie wir sind.

Von Markus Kaiser. Erstellt am 08. September 2021 (07:00)

Sich mit der ungarischen Geschichte zu beschäftigen ist wie ein Blick in den Spiegel. Der ist manchmal schön, etwa, wenn es um die Herkunft unseres typisch burgenländischen Sinnes für Zusammenhalt geht. Der ist aber auch oft unschön. Die jahrhundertelang wieder und wieder bewiesene Treue der Ungarn haben die Österreicher – man kann es nicht anders sagen – mit Füßen getreten. Das Burgenland als historisches Scharnier zwischen Österreich und Ungarn ist immerhin in der komfortablen Position, mal nach Osten und mal nach Westen schwingen zu können. Aber von Anfgang an.

Vom hohen Norden in die pannonische Ebene

Am Anfang steht in Ungarn gerne der Heilige Stefan. Ein paar Jahrhunderte weiter zurück sollte man aber schon schauen.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts führte der Legende nach das alttürkische Adler-Falken-Hybrid „Turul“ die Stämme der Magyaren vom hohen Norden (wo bis heute eine Sprachverwandschaft mit dem Finnischen besteht) östlich des Urals in die Pannonische Tiefebene. Etwa in der Mitte soll der Sagen-Vogel sein Schwert fallengelassen haben, die Magyaren gründeten ebendort Siedlungen, die später Buda (deutsch: Ofen) und Pest und 1873 Budapest wurden.

Fürst Árpád besiegte mit seiner Reiter-Armee 907 n.Chr. die Mähren und Bajuwaren. Er begründete damit die Vormachtstellung der Magyaren in Pannonien und sorgte dafür, dass Deutsch bis heute eben nur eine der Volksgruppensprachen des modernen Ungarns sowie des Burgenlandes ist. Zum Heiligen Römischen Reich (später: Deutscher Nation) gehörte der Raum nie wirklich.

Dass die heidnischen Magyarenstämme diesem benachbarten Reich ein Dorn im Auge sein könnten, erkannte einer von Árpáds Nachfolgern. Am 17. August im Jahr 1000 n.Chr. ließ sich Fürst Stefan taufen und wurde wurde von Papst Silvester II zum ersten König der Magyaren, Stefan I, ernannt. 1038 starb er, am 20. August 1083 wurde er heilig gesprochen. Stefan der Heilige (Szent István) ist bis heute der ungarische Nationalheilige, der 20. August der ungarische Staatsfeiertag. Unzählige „Stefanskirchen“ in ganz Europa sind ihm gewidmet, so auch die Kirchen in Neuhaus am Klausenbach im Bezirk Jennersdorf.

Eine der ersten Demokratien Europas?

Bereits am Ende des 13. Jahrhunderts entstand der ungarische Landtag („Diät“) als oberste gesetzgebende Institution. Ihm wohnten alle ungarischen Adeligen bei. Da der Adelstitel erblich war, galten bis zu acht Prozent der ungarischen Gesamtbevölkerung als adelig. Für die damalige Zeit war das eine enorme demokratische Qualität. Vor allem im Vergleich zum benachbarten Habsburgerreich, wo genau eine einzige Person die Gesetze erließ: der jeweilige König.

Das mittelalterliche Ungarn war aber nicht nur ein überraschend demokratisches, sondern auch ein verhältnismäßig egalitäres Königreich. Während es bei den Habsburgern eine strenge Hierarchie vom König über die Fürsten hinunter zu den Rittern und Freiherren gab, waren diese im ungarischen Landtag gleichberechtigt.

Zerrissen zwischen Weltmächten

Im Jahr 1526 sollte erstmals eintreten, was später die Geschichte Ungarns bis 1991 bestimmen sollte: Die Weltmächte betreten die Pannonische Tiefebene, die sich immer wieder als dankbares Schlachtfeld erweisen soll. Jedenfalls stirbt ein ungarischer König ohne geklärte Nachfolge, die Habsburger heiraten ein und ein Streit zwischen ihnen und einem potenziellen ungarischen Thronfolger entsteht. Geschlichtet wird dieser durch den Einfall der Osmanen. Ihre militärischen Erfolge sollten Ungarn 150 Jahre lang in drei Teile teilen: Im südöstlichen herrschen die osmanischen Besatzer, im Westen (unter anderem dem heutigen Burgenland) die Habsburger und nur der nordöstliche Rest bleibt ungarisch.

Dort entstehen mit Kuruzzen und Heiducken erstmals Milizen, die mal eher Banditen und Wegelagerer, mal aber wie Robin Hood oder ungarische Unabhängigkeitskämpfer auftreten. Diese Bereitschaft, die ungarische Unabhängigkeit zur Not mit Waffen zu verteidigen, sollten Österreicher, Deutsche und sogar die Sowjetunion noch zu spüren bekommen.

Nation, Aufklärung und Revolution

Im 18. und spätestens dem 19. Jahrhundert ändert die Aufklärung das europäische Denken. In ganz Europa kommt es zu Revolutionen gegen die absolutistischen Monarchen, in Frankreich und Amerika entstehen sogar Republiken. Die Nationen beginnen die Königreiche abzulösen, die Idee, dass ein Volk in einem zusammenhängenden Staatsgebiet eine Sprache sprechen soll, ist vorherrschend. Das ist nicht der Teil der Aufklärung, der in Ungarn greift. Zwar gibt es eine magyarische Mehrheitsbevölkerung, aber Deutsch und Latein ist ebenso wichtig, vielerorts dominieren die Volksgruppensprachen von kroatisch, slowakisch, ukrainisch, rumänisch bis zu verschiedenen Roma-Sprachen.

Was in Ungarn – wohl aus demokratischer Tradition heraus – sehr wohl Anhänger fand, war die Idee einer Verfassung. Das (ungarische) Gesetz möge über dem (österreichischen) Herrscher stehen. Während Adelige wie István Széchenyi, aber auch der Schlaininger Burgherr Lajos Batthyány für mehr Autonomie für die ungarische Monarchie eintraten, war der junge Revolutionär Lajos Kossuth vom französischen Modell der republikanischen Nation überzeugt. Es waren – das wird in der österreichischen Geschichtsschreibung gerne vergessen – seine Schriften, die das Bürgertum Wiens zur Erstürmung der Innenstadt und zur Forderung nach einer Verfassung trieb. Die Österreicher bekamen 1848 ihre Verfassung, die Ungarn bekamen den „Henker von Arad“. Nachdem auch in Ungarn die Revolution ausbrach und Kossuth zum Reichsverweser wurde, ließ Kaiser Franz Joseph 13 ungarische Revolutions-Generäle in Arad erhängen. Sein für seine Brutalität berüchtigter Statthalter Haynau hatte ihnen zuvor eigentlich noch freies Geleit versprochen. Die Legende besagt, dass jedes Mal, wenn einem ungarischen General der Strick das Genick brach, die Österreicher sich mit dem Bierkrug zugeprostet hatten. Bis heute stoßen die Ungarn deswegen nicht die Biergläser zusammen. Der Südburgenländer Batthyány wurde für seine Rolle in der Revolution von den Habsburgern erschossen.

Krieg und Trennung nach 1.000 Jahren

Kaiser Franz Josef war zu weit gegangen, die Nationalitätenfrage war die brennendste in seinem Reich geworden. Das führte zum „Ausgleich“ mit Ungarn 1867, die Monarchie war nun eine kaiserlich und königliche Doppelmonarchie. Dass das deutlich zu spät kam, musste der Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo zu spüren bekommen, wo er von einem serbischen Nationalisten erschossen wurde. Der darauffolgende 1. Weltkrieg und die Niederlage Österreich-Ungarns beendete die Monarchie, Karl dankte als Österreichs Kaiser und Ungarns König ab, sein Reichsverweser Admiral Miklós Horthy übernahm die Staatsgeschäfte. Er musste den bis heute die ungarische Seele schmerzenden

Vertrag von Trianon unterschreiben und auf zwei Drittel seines Staatsgebietes verzichten. So auch auf das Burgenland, das 1921 – nach kurzen Kampfhandlungen und ohne die Hauptstadt Ödenburg – an Österreich fiel. 1.013 Jahre nach Árpáds Eroberung Pannoniens war damit nicht mehr Ungarn, sondern Österreich die neue Heimat der Burgenländer.