Bankomat-Knacker aus der Slowakei gefasst. Ermittler der „Operation Krähe“, die nach zahlreichen Bankomat-Überfallen beim Landeskriminalamt Niederösterreich eingerichtet worden war, konnten 13 teils vollendete Einbruchsdiebstähle in Geldausgabeautomaten, 11 Kfz-Diebstähle, sowie zahlreiche Geschäftseinbruchsdiebstähle und Kennzeichendiebstähle klären und zwei Beschuldigte festnehmen.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 25. November 2019 (12:25)

Bereits im März 2019 ereigneten sich in Niederösterreich und Burgenland vier versuchte Einbruchsdiebstähle in Geldausgabeautomaten bei Banken und Supermärkten, wobei zu diesem Zeitpunkt weder ein örtlicher noch zeitlicher Zusammenhang zwischen den einzelnen Taten hergestellt werden konnte. Die ermittelnden Beamten stellten zu diesem Zeitpunkt lediglich fest, dass die Tatorte noch vor Vollendung des Einbruchsdiebstahls mittels Brandbeschleuniger in Brand gesteckt worden waren. 

Bei der Pressekonferenz: Staatsanwältin Gudrun Bischof, Hannes Gulnbrein von der EKO Cobra, stv. LAndespolizeidirektor Franz Popp, und Omar Haijawi-Pirchner, Leiter des Landeskriminalamtes NÖ.
LPD NÖ

Die Überfälle

  • Am 11. April 2019, gegen 03.10 Uhr, kam es erneut zu einem Einbruchsdiebstahl in einen Geldausgabeautomaten im Foyer-Bereich einer Supermarkt-Filiale in Guntramsdorf, Bezirk Mödling. Die Täter konnten eine fünfstellige Bargeldsumme erbeuten. Der Tatort wurde in Brand gesteckt. Die alarmierten Polizeistreifen konnten noch zwei Tatfahrzeuge auf der Flucht wahrnehmen. Im Zuge der Verfolgung wurden aus den Täterfahrzeugen sogenannte Krähenfüße geworfen, wordurch mehrere Reifen der Dienstfahrzeuge beschädigt wurden. Eine Streife versuchte noch, eines der Täterfahrzeuge durch Rammen an der Flucht zu hindern, was allerdings nicht gelang. Kurze Zeit später wurde in der Nähe der Autobahnraststätte Guntramsdorf eines der Täterfahrzeuge brennend vorgefunden. Wie sich herausstellte, war dieses Fahrzeug kurz vor der Tat in Maria Enzersdorf gestohlen worden.
  • In der Folge kam es am 1. Mai 2019, sowie am 7. Mai 2019 zu neuerlichen Bankomatangriffen bei einer Bankfiliale in Böheimkirchen, Bezirk St. Pölten-Land, und einer Supermarkt-Filiale in Wiener Neustadt, wobei auch hier keinerlei Anhaltspunkte zu den Tätern ermittelt werden konnten. Lediglich die Brandlegung an den Tatorten nach den jeweiligen Einbruchsversuchen, sowie das Anzünden eines gestohlenen Fahrzeuges im Bereich Wiener Neustadt, ergaben Verdachtsmomente eines möglichen Zusammenhanges der Taten.
  • Am 22. Mai 2019, gegen 01.30 Uhr, konnte eine Streife der Polizeiinspektion Brunn am Gebirge im Gemeindegebiet von Brunn am Gebirge, Bezirk Mödling, einen maskierten Mann feststellen, der an einem geparkten Auto hantierte.Als er die Polizeistreife sah, sprang der Maskierte in einen Pkw und flüchtete. Bei den Ermittlungen stellten Polizisten fest, dass der abgestellte Pkw kurz zuvor in Wien gestohlen worden war und es wurde umgehend ein Zusammenhang mit der Serie an Bankomateinbruchsdiebstählen hergestellt.
  • Ein weiterer Bankomateinbruchsdiebstahl wurde am 26. Mai 2019, gegen 01.48 Uhr, bei einer Supermarkt-Filiale in Kottingbrunn, Bezirk Baden, verübt. Dabei wurde die Tat vollendet, der Tatort wiederum in Brand gesteckt. Im unmittelbaren Zusammenhang mit der Tat wurden zwei hochpreisige Pkw gestohlen, zur Tatausführung verwendet und im Anschluss sofort angezündet.

 

Start der "Operation Krähe"

Aufgrund der bis zu diesem Zeitpunkt bekannten Fakten - eine hochprofessionelle Tätergruppe handelt, die keinerlei Ermittlungsansätze bei den Taten hinterlässt - wurde mit Ende Mai 2019 ein eigenes Ermittlungsteam beim Landeskriminalamt Niederösterreich eingerichtet. Es war das ausschließlich für diese Fälle zuständig und agierte unter dem Namen „Operation Krähe“.

Landeskriminalamts-Leiter Omar Haijawi-Pirchner dazu: „Wir sprechen hier sozusagen von der Champions League unter den Kriminellen. Wir haben dafür eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet. Besonders ist bei der Klärung auch die hervorragende Arbeit der Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität hervorzuheben, ohne die dieser Erfolg nicht möglich gewesen wäre. Hier hat sich aber auch wieder gezeigt, wie wichtig es für die Polizei ist, auf internationaler Ebene nicht nur technische Möglichkeiten, sondern auch rechtliche Voraussetzungen zu haben. Dadurch konnten wir unsere Ermittlungstätigkeit auf die Slowakei und Tschechien ausweiten. Insgesamt waren international rund 250 Beamten im Einsatz“

Verdacht auf Kriminaltouristen

In enger Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Spezialeinheiten der Polizei in Österreich und mit Unterstützung nordamerikanischer und europäischer Polizeieinheiten konnte festgestellt werden, dass die Tätergruppe aus den östlichen Nachbarländern Österreichs zur Tatausführung anreist und danach das Land umgehend verlässt.

Nach einem weiteren Einbruchsdiebstahl in einen Geldausgabeautomaten am 4. Juni 2019 in Vorchdorf, Oberösterreich, bei dem wiederum die Parallelen zu den bereits abgelaufenen Taten eindeutig hergestellt werden konnten, wurden umfassende Polizeimaßnahmen im Grenzbereich zur Slowakei umgesetzt.

Zugriff der Cobra

Bei einer sodann festgestellten Einreise der Täter nach Österreich in der Nacht zum 3. Juli 2019 wurde durch die Bearbeiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich der Zugriff für das Einsatzkommando Cobra freigegeben. Trotz eines massiven Einsatzes der Spezialkräfte gelang den  Tätern die Flucht nach Ungarn. Landspolizeidirketor-Stv. Franz Popp: „Alle Objekte, wo sie zuschlugen, wurden vorher genaue ausgekundschaftet. Bei ihren Taten waren sie immer mit Luxuswägen einer Premiummarke von bis zu 500 PS unterwegs. Darauf befanden sich ausschließlich gestohlenen Kennzeichen. Alle Tatorte befanden sich in Autobahnnähe, sodass es gute Fluchtmöglichkeiten gab. Nicht nur auf der Flucht, auch sonst waren die Täter oft mit bis zu 250 Stundenkilometern unterwegs, wie wir aufgrund der Auswertung unserer Kamerabilder wissen. Sie manipulierten zuvor sogar Polizeidienstfahrzeuge durch Reifenschlitzen, um eine Nacheile zu verzögern oder legten Krähenfüße auf den Fahrbahnen aus und setzen so andere Straßenverkehrsteilnehmer einem immensen Risiko aus.“ 

  • Bereits am 9. Juli 2019 kam es zur nächsten Tat, allerdings in Polen. Auch dort wurde ein Bankomat in einem Einkaufszentrum in Gliwice gewaltsam geöffnet und wieder der Tatort in Brand gesteckt. 
  • In Österreich kam es am 11. Juli 2019 (Supermarkt Oberwaltersdorf) und am 7. August 2019 (Supermarkt Mattersburg) zu neuerlichen Angriffen auf die dort befindlichen Geldausgabeautomaten. Durch die bereits umgesetzten polizeilichen Maßnahmen in Verbindung mit der extrem aufwendigen Analyse der tatrelevanten Fakten konnte nach diesem Angriff ein entsprechendes Profiling erstellt werden. Dadurch konnten folgende Aspekte in die weiteren Fahndungsmaßnahmen einbezogen werden:
  • Die Tätergruppe agiert aus der Slowakei und besteht aus zumindest 2 unmittelbaren Tätern
  • Mehrere Personen führen im Hintergrund Logistiktätigkeiten aus
  • Die Einreise nach Österreich erfolgt in dem Bereich zwischen Berg und Rattersdorf (unzählige Möglichkeiten zum Grenzübertritt auf über 100 Kilometer Grenzlinie)
  • Zur Anfahrt und zur Flucht zu und von den Tatorten werden ausschließlich gestohlene und hochmotorisierte Fahrzeuge verwendet.
  • Für diese Fahrzeuge werden Kennzeichentafeln in der Slowakei, Tschechien, Österreich und Deutschland gestohlen, die teilweise mehrmals nach nur wenigen Kilometern Fahrt durch andere gestohlene Kennzeichen ausgetauscht werden 
  • Für die Bankomateinbruchsdiebstähle werden zusätzlich Fahrzeuge gestohlen, die unmittelbar nach der Tat in Brand gesetzt werden
  • Alle Bankomat-Tatorte werden beim Verlassen mittels Brandbeschleuniger in Brand gesteckt
  • Alle Tatorte liegen in Autobahnnähe, um schnell und unerkannt flüchten zu können
  • Die umliegenden Polizeiinspektionen der späteren Tatorte wurden entsprechend ausspioniert und gegebenenfalls wurden die dort abgestellten Dienst-Kfz kurz vor der Tatausführung manipuliert (Reifenstiche), um ein Einschreiten zu verzögern
  • Höchste kriminelle Energie beim Kontakt mit der Polizei, ohne Rücksicht auf die Gefährdung Unbeteiligter (zB. Auswerfen von Krähenfüßen auf der Autobahn bei Geschwindigkeiten von weit über 200 km/h)
  • Jede Straftat wird vorab abgeklärt, jeder Schritt ist abgestimmt und geplant, es wird nichts dem Zufall überlassen, strenge arbeitsteilige Vorgehensweise
  • International aktiv; Straftaten konnten nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland, Polen, Tschechien und der Slowakei festgestellt werden
  • Weitere Straftaten gegen fremdes Vermögen.

Durch diese Erkenntnisse wurde eine Einsatzplanung über mehrere Wochen praktisch umgesetzt, bei der täglich mehr als 100 Beamte des Landeskriminalamtes Niederösterreich, der Direktion für Sondereinheiten, der Flugpolizei, sowie Einheiten der Landesverkehrsabteilung Niederösterreich mit gemeinsamer Einsatzleitung, für die Weiterverfolgung der Täter im Einsatz waren.

Staatsanwaltschaft Korneuburg leitete und akkordierte

Weiters wurden die operativen Ermittlungstätigkeiten auf die Slowakei und Tschechien erweitert. Gerichtlich bewilligte Maßnahmen, die zur Ausforschung der Täter notwendig waren, wurden in der Slowakei, Tschechien, Luxemburg, Irland und den USA angeordnet und mittels Rechtshilfe umgesetzt. Das komplette Ermittlungsverfahren wurde von der Staatsanwaltschaft Korneuburg geleitet und akkordiert.

Festnahmen in Warschau und Wien

All diese Maßnahmen führten schließlich Anfang November 2019 zur Ausforschung von 2 unmittelbaren Beschuldigten, die sich mit einem gestohlenen Pkw auf den Weg zur Verübung einer weiteren Straftat machten und in der Nacht zum 7. November 2019 einen weiteren Angriff auf einen Geldausgabeautomaten in Warschau in Polen verübten.

Da aus diesen internationalen Observationserkenntnissen eine entsprechende Beweisführung zu den angeführten Straftaten, die sich über 5 Länder erstreckten, möglich war, wurde am 12. November 2019 ein koordinierter Zugriff mit Festnahme auf den 44-jährigen Beschuldigten durch Beamte der „Ermittlungsgruppe Operation Krähe“ und mit Unterstützung durch die Direktion für Sondereinheiten – Einsatzkommando Cobra in Wien durchgeführt.

Slowakische Staatsbürger festgenommen

Bei dem Beschuldigten handelt es sich um einen mehrfach einschlägig vorbestraften slowakischen Staatsbürger, der erst im November 2018 vorzeitig aus der Haft in der Slowakei entlassen wurde. Der Beschuldigte lebte unangemeldet seit Juli 2019 mit seiner Familie in Wien. Seinen Lebensunterhalt dürfte er durch die Begehung von Straftaten finanziert haben. Bei einer Durchsuchung seiner Aufenthaltsadresse in Wien konnte noch ein fünfstelliger Bargeldbetrag sichergestellt werden, der aus dem letzten Einbruchsdiebstahl in einen Geldausgabeautomaten stammen dürfte.

Erdrückende Beweise: Slowake gesteht

Aufgrund der erdrückenden Beweislast zeigte sich der Beschuldigte geständig. Er wurde über Anordnung der Staatsanwaltschaft Korneuburg in die dortige Justizanstalt eingeliefert.
Staatsanwätin Gudrun Bischof dazu: „Dieser Fall ist wirklich ein sehr großer Ermittlungserfolg. Der Haupttäter befindet sich aufgrund von Flucht-, Verdunkelungs- und Tatwiederbegehungsgefahr in der Justizanstalt Korneuburg in Untersuchungshaft. Der zweite Haupttäter wurde in der Slowakei festgenommen. Die Ermittlungen sind aufgrund von weiteren Tätern noch nicht abgeschlossen.

Der Haupttäter wird neben anderen wegen gewerblichen Einbruchs im Rahmen einer kriminellen Vereinigung, Brandstiftung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und vorsätzliche Gemeingefährdung festgenommen.‘

Der zweite unmittelbare Beschuldigte, ein 36-jähriger slowakischer Staatsbürger, wurde aufgrund eines Europäischen Haftbefehls der Staatsanwaltschaft Korneuburg am 14. November 2019 in der Slowakei festgenommen und befindet sich seit dem in Auslieferungshaft für Österreich. 

Durch eine weitere Durchsuchungsanordnung der Staatsanwaltschaft Korneuburg konnte in der Slowakei die versteckte Garage der Tätergruppe durchsucht werden. Hierbei konnte ein Pkw, der im Juni 2019 in Deutschland gestohlen worden war, sowie umfangreiches Tatwerkzeug und Tatutensilien usw. vorgefunden und ebenfalls sichergestellt werden.