„Europa erlebte eine neue Zeitrechnung“. Walburga Habsburg Douglas und BVZ-Herausgeberin Gudula Walterskirchen im Gespräch über den Fall des Eisernen Vorhangs.

Von BVZ Redaktion. Erstellt am 15. August 2019 (06:07)
Wolfgang Millendorfer
Gastgeber und Organisatoren. Paneuropa-Generalsekretär Rainhard Kloucek, Eisenstadts Vizebürgermeister Istvan Deli, Paneuropa-Schweden-Präsidentin Walburga Habsburg Douglas, BVZ-Herausgeberin Gudula Walterskirchen, Consul Alfred Tombor-Tintera und BVZ-Chefredakteur Markus Stefanitsch (v.l.).

Als am 19. August 1989 bei St. Margarethen an der burgenländisch-ungarischen Grenze Geschichte geschrieben wurde, war Walburga Habsburg Douglas mittendrin. Die Enkelin von Karl I, des letzten Kaisers von Österreich, war maßgeblich an der Organisation des Paneuropäischen Picknicks beteiligt.

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30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs. Zeitzeugin Walburga Habsburg Douglas (l.) sprach mit BVZ-Herausgeberin und Historikerin Gudula Walterskirchen (r.) über das Paneuropäische Picknick und dessen Folgen.

Ihr Vater, Otto von Habsburg, hatte gemeinsam mit dem Ungarischen Demokratischen Forum die Idee einer Friedensdemonstration geboren – diese wurde schließlich zu einem der bleibenden Symbole rund um den Fall des Eisernen Vorhangs.

Ihre Erinnerungen teilte die Kaiser-Enkelin und Mitbegründerin der deutschen Paneuropa- Jugend auf Einladung der BVZ nun im Rahmen eines Podiumsgespräches im Rathaus in Eisenstadt mit dem zahlreich erschienenen Publikum. Im Interview mit BVZ-Herausgeberin und Historikerin Gudula Walterskirchen wurden die damaligen Ereignisse aufgerollt und auch im Kontext zu heutigen Fragen der Europapolitik beleuchtet.

„Ein klitzekleiner Spalt in der Mausefalle …“

Abgezeichnet hatte sich die Öffnung damals schon in den Wochen davor; umso mehr erregte das Paneuropäische Picknick vor allem in der DDR die Aufmerksamkeit. Um die „Mausefalle Ostdeutschland“ zu verlassen, habe es nur einen „klitzekleinen Spalt“ gebraucht – so habe man das damals gesehen, erinnerte sich Walburga Habsburg Douglas beim BVZ-Gespräch: „Und wir haben gesagt, dass wir mithelfen können, diesen Spalt zu organisieren.“

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Zeitzeugin Walburga Habsburg Douglas

Sie selbst war auch stellvertretend für ihren Vater vor Ort; Otto von Habsburg hatte bereits für einen anderen wichtigen Termin zugesagt. Die Ereignisse rund um die symbolische Grenzöffnung beschreibt Habsburg Douglas als bewegende Momente: „Als ich zur Grenze kam, war das Tor bereits offen und die Menschen haben zu laufen begonnen. Die armen Grenzbeamten standen da, mit den Anträgen für die Tagesvisa in den Händen. Sie haben gesagt, jetzt hätten sie drei Möglichkeiten: schießen oder versuchen, die Leute aufzuhalten, oder sich einfach umzudrehen. Und ich habe gesagt: ,Also, ich dreh mich nicht um. Ich schau mir das an!‘“

Was sie sah, waren Menschen, die vor Freude weinten und einander in die Arme fielen. Dass die Grenzsoldaten „diese Dinge geschehen ließen“, sei ein entscheidender Moment gewesen, „es hätte auch anders kommen können“, sagt Walburga Habsburg Douglas: „Aber wir ahnten, dass nichts geschehen würde. Russland hatte die Rote Armee bereits abgezogen. Und ich glaube, dass ich ein solches Angst-Gen gar nicht habe …“

Die Suche nach dem gemeinsamen Europa

Die Dimension des Paneuropäischen Picknicks wurde den Beteiligten erst nach und nach bewusst. Wenige Monate später fiel die Berliner Mauer und Europa stand endgültig am Beginn einer neuen, „gemeinsamen“ Zeitrechnung.

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BVZ-Herausgeberin und Historikerin Gudula Walterskirchen

Was dieses gemeinsame Europa heute ausmacht, diskutierte Historikerin Gudula Walterskirchen ebenfalls ausführlich mit Walburga Habsburg Douglas. „Für die junge Generation ist das Fehlen von Grenzen etwas ganz Normales“, hielt Walterskirchen fest, „diese Generation ist es aber auch, die der EU als politischem Gebilde skeptisch gegenüber steht.“

Dazu meinte Habsburg Douglas, dass keine Institution fehlerfrei sei; generell sei die Paneuropa-Bewegung für eine Aufhebung jener Grenzen, die ein Zusammenwachsen verhindern: „Ich hoffe, dass wir in 30 Jahren auch darauf zurückblicken können“, wünscht sie sich eine paneuropäische Gemeinschaft – und das auch mit neuen Mitgliedsstaaten.

Was Europa noch fehle, sei ein gemeinsames integratives Symbol: „Der Europatag, die gemeinsame Währung oder der Kommissionspräsident haben als Identifikation bislang nicht funktioniert. Es braucht etwas, wo das Herz dabei ist.“ Habsburg Douglas selbst sagt von sich, sie sei in vielen Ländern zuhause: „In Österreich fühle ich mich als Österreicherin, in Schweden als Schwedin, in Ungarn als Ungarin. Das ist heute aus meiner Sicht nicht so überraschend.“