Die erste Burgenland-Wahl vor 100 Jahren: Ein Rückblick

Erstellt am 25. Juni 2022 | 04:51
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Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAPDÖ) holte mit 38 Prozent der 150.000 Stimmen 13 der 33 Mandate. Die Christlich-Soziale Partei (CS) stellte nun 10, der Landbund („Deutschösterreichische Bauernpartei DÖBP“) 6 und die Großdeutsche Volkspartei (GDVP) 4 Mandate.
Foto: BVZ
Erste Landtagswahl 1922 brachte roten Überraschungssieg bei schwarzer Mehrheit.

Gewisse Dinge ändern sich nie. Da können die Rahmenbedingungen noch so grundverschieden sein. Etwa bei der ersten burgenländischen Landtagswahl, die sich am 18. Juni zum 100. Mal jährt.

Dabei stimmten Orte ab, deren Verbleib bei Österreich erst am folgenden Tag in London im Völkerbundrat hätte geklärt werden sollen (Ungarn forderte Pamhagen und Lutzmannsburg).

Auch gab es keinen Amtsinhaber, der seine Macht verteidigen wollte. Landesverwalter Alfred Rausnitz hatte erst im März 1922 den ersten Landesverwalter der Landesgeschichte, Robert Davy, abgelöst. Der Sieger der Wahl hätte ihn ablösen sollen. Hätte.

Überraschungssiegerin ohne Landtagsmehrheit

„Herrlicher Sieg im Burgenland“, betitelte die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung den Wahlausgang für die burgenländische Sozialdemokratie. „Eine christliche Mehrheit im Landtage“, sah die konservative Reichspost hingegen die Christlich-Soziale Partei als Sieger. Das Auslegen von Statistik zum eigenen Vorteil gab es also damals auch schon.

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Hier finden den Artikel der Arbeiter-Zeitung mit dem vorläufigen Resultaten aus ausgewählten Gemeinden.
Foto: Scan: oenb

Mit unterkühlter Distanz kommentierte die deutschsprachige ungarische Tageszeitung Pester Lloyd die Wahl. Sie sei ein „Überraschungserfolg“ für die Sozialdemokratie. In einer Zeit vor den Wahlumfragen war tatsächlich kaum vorhersehbar, dass der verarmte, bäuerliche, nicht industrialisierte und ohne seine Ödenburger Bildungs-Schicht zu Österreich gekommene Landstrich sich zu 38 Prozent für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAPDÖ) entscheiden würde.

Dahinter landeten die Christlich-Soziale Partei (CS) mit 31, der Landbund mit 17 und die Großdeutsche Partei mit 13 Prozent. In Mandaten ergab das eine Mehrheit für CS und Landbund, man einigte sich aber mit der SDAPDÖ auf den Kompromiss, Landesverwalter Rauschnitz nun als Landeshauptmann einzusetzen. Aber nur wenige Monate später wurde der Kompromiss im Streit um die Rolle der Kirche im Schulwesen aufgekündigt. Die Neuwahlen 1923 zementierten die bis zum Kriegsbeginn andauernde Rot-Schwarze-Pattstellung ein.

Norden wählte rot, Grenzgemeinden deutsch

Spannend sind die Details der – mangels Landeshauptstadt – damals noch in Bad Sauerbrunn sitzenden Wahlkommission, deren Vorabresultate die Arbeiter-Zeitung veröffentlichte. Von den 13 roten Mandaten kamen neun aus den Wahlbezirken Eisenstadt und „Mattersdorf“ und nur vier aus den beiden südlichen Wahlbezirken Oberwart und Güssing.

Bereits damals waren die meisten kroatischen Gemeinden tief rot, in Baumgarten gab es sogar keine einzige Stimme für die Christlich-Sozialen. Eisenstadt hingegen konnten die Christlich-Sozialen drehen, 1922 hatte die SDAPDÖ noch die Mehrheit. In Grenzgemeinden, im Seewinkel sowie im damals noch von Ungarn beanspruchten „Lutzmannsdorf“ gab es dafür besonders viele Stimmen für die Deutsch-Nationalen.