Sengstbratl seit 20 Jahren AMS-Chefin: Keine Angst am Arbeitsmarkt

Erstellt am 09. Dezember 2022 | 05:14
Lesezeit: 3 Min
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Gute Zahlen. AMS-Chef Johannes Kopf gratuliert Landesleiterin Helene Sengstbratl zum Dienstjubiläum: Mit 20 Jahren ist sie die längstdienende Landesleiterin. Eine sechsjährige Amtszeit soll noch kommen.
Foto: BVZ
AMS-Chefin Helene Sengstbratl entwarnt im Jubiläums-Interview: Teuerung geht zurück, aber Pensionierungswelle rollt an.

BVZ: Wie viele sind es wirklich, die „nix hackeln wollen“?

Helene Sengstbratl: Wir haben ein ganz breites Spektrum an Menschen. Manche sind ausgebrannt, sehen sich nicht mehr am Arbeitsmarkt, manche bekommen Arbeitslosengeld, gehen aber heimlich „schwarz“ arbeiten. Bei uns ist aber auch eine große Anzahl an motivierten Menschen, die unzählige Bewerbungen schreiben. Denen helfen zu können, macht auch nach 20 Jahren noch glücklich.

Kann es überhaupt für alle „die richtige Arbeit“ geben?

Sengstbratl: Es gibt ein Pilotprojekt in Gramatneusiedl, bei dem Land NÖ, Gemeinde und AMS versuchen, wirklich allen Arbeitslosen etwas Passendes zu verschaffen. Mit Erfolg: Langzeitarbeitslosigkeit ist so gut wie verschwunden. Es brauchte flexible Angebote – zeitlich, finanziell, örtlich, inhaltlich. Die Vision einer Welt ohne Langzeitarbeitslosigkeit gibt es also.

Wie können wir so ein Projekt ins Burgenland holen?

Sengstbratl: Wir überlegen, so etwas bei uns großflächig umzulegen. Derzeit zahlen wir in einem Pilotprojekt die ersten neun, das Land die folgenden zwölf Gehälter, dann entscheiden die Firmen und Arbeitssuchenden, wie es weitergeht.

Was war die größte Herausforderung in Ihrer 20-jährigen Karriere hier im Burgenland?

Sengstbratl: Corona! Die Republik hat die Läden geschlossen, nur unsere Schalter waren noch offen. Wir hatten nicht die In-frastruktur für über 200.000 Anträge, mussten in kürzester Zeit alles auf E-AMS umstellen.

Erwartet uns Ähnliches 2023?

Sengstbratl: Man weiß nie genau, wie sich Krieg und Inflation weiter entwickeln. Aber unsere Prognosen gehen davon aus, dass die Preise zwar nicht auf Vorkriegsniveau, aber doch etwas sinken werden. Nach einem Wirtschaftsrückgang im ersten Quartal rechnen wir daher mit einer Stabilisierung.

Brauchen wir in Zukunft mehr ausländische Arbeitskräfte?

Sengstbratl: 2013 bis 2017 gab es einen sprungartigen Anstieg ausländischer Arbeitskräfte am Arbeitsmarkt. Diese haben jeden Job genommen, den sie bekommen konnten, vor allem in Tourismus und Gastronomie. Das hat sich nach der Pandemie gewandelt, der Anstieg ist nur noch ganz flach, gewisse Branchen bekommen keine Leute mehr. Deutschland versucht gerade sehr aktiv, Pflegekräfte aus Südostasien zu bekommen. Auch bei uns ist hier der Personalmangel bereits sehr kritisch.

Das Problem wird mit der anstehenden Pensionierungswelle wohl nicht besser?

Sengstbratl: Diese betrifft alle Branchen, außer ganz junge und sehr dynamische, auch den öffentlichen Bereich. Aber die Produktivität steigt, die Indus-trie braucht weniger Leute, es gibt neue Modelle mit weniger Personal im Handel und in der Gastro. Es gibt Personalreserven, wie Studierende oder Teilzeitkräfte. Die „Babyboomer-Generation“ nachzubesetzen, ist also schwierig, aber nicht unmöglich. Wobei: Genau in dieser Zeit etwa die Pädagogik-Ausbildung zu verlängern – da kriege ich richtig Emotionen!

Bespricht die Regierung solche Maßnahmen mit dem AMS?

Sengstbratl: Nein, da kommt einfach ein Masterplan. Aber die Politik hat es auch nicht leicht: Flüchtlingskrise, Corona, Krieg – das war nicht planbar.