Vorwurf der Veruntreuung: „War offiziell geschenkt“. 46-Jährige überwies Geld von 90-jähriger „Ersatz-Mutter“ auf eigenes Konto. Freispruch.

Von Elisabeth Kirchmeir. Erstellt am 14. Dezember 2019 (06:13)
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Im Herbst 2018 hatte die 46-jährige Angeklagte aus dem Bezirk Eisenstadt zunächst mit 58.000 Euro aus den Ersparnissen ihrer betagten „Ersatz-Mama“ ihren Wohnbaukredit zurückgezahlt und dann das Wertpapierdepot der Pensionistin mit einem Kurswert von 196.000 Euro auf ihr eigenes Depot übertragen.

Vorige Woche musste sich die Frau wegen des Vorwurfs der Untreue vor einem Schöffensenat unter dem Vorsitz von Richterin Daniela Berger verantworten. Die Angeklagte bekannte sich nicht schuldig.

Kennengelernt hatte sie die ältere Dame vor rund 20 Jahren beim Spazierengehen mit den Hunden.

Es habe sich eine Art „Mutter-Tochter-Beziehung“ entwickelt, berichtete die Angeklagte. Die betagte Frau habe sie sogar adoptieren wollen.

2016 erlitt die Ersatz-Mutter einen schweren Herzinfarkt. In weiterer Folge wurden der Angeklagten Vollmachten eingeräumt. Unter anderem durfte sie – allerdings stets nur im Auftrag der Besitzerin – über ein Wertpapierdepot verfügen. Diese Befugnisse soll die Angeklagte übertreten und die 255.000 Euro ohne Wissen der alten Dame entnommen haben. Von einer Schenkung sprach hingegen die Angeklagte.

„So eine Art der Schenkung habe ich nie erlebt“, erklärte der Anwalt des mutmaßlichen Opfers. Seine Mandantin höre mit ihren 90 Jahren nicht mehr so gut, das habe die Angeklagte ausgenützt.

Wertpapierkonto war plötzlich leer

Im Februar 2019 sei die Pensionistin mit ihrer Pflegerin bei der Bank gewesen. „Als der Bankmitarbeiter sagte: Ihr Wertpapierkonto ist auf null, hat sie fast ein zweiter Herzinfarkt getroffen“, sagte der Anwalt der 90-Jährigen.

Er forderte für seine Mandantin die 255.000 Euro zurück.

„Zu mir hat sie immer gesagt, ich soll mich um alles kümmern und ich kriege alles“, berichtete die Angeklagte. Sie habe ausschließlich auf Wunsch ihrer „Ersatz-Mama“ gehandelt.

„Ich brauche keine 90-jährige Dame abzocken“, sagte die Angeklagte. Im Rahmen eines Familienfestes habe die „Ersatz-Mama“ bei Kaffee und Sachertorte darauf gedrängt, dass sie das Geld für den Wohnbaukredit nehme. Daraufhin habe sie einen Teil der Wertpapiere verkauft und den Rest auf einem eigenen Konto hinterlegt, berichtete die Angeklagte.

Dieses Geld habe sie bis heute nicht angerührt. „Wissen’S, ich bin ein ehrlicher Mensch“, beteuerte sie.

„Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich diese Frau beschützt wie meinen Augapfel“, fügte die Angeklagte hinzu.

Zurückgeben wolle sie das Geld aber auch nicht: „Sie hat es mir offiziell geschenkt.“

Die Einvernahme des mutmaßlichen Opfers gestaltete sich schwierig. „Bitte sprechen Sie lauter, ich trage keinen Hörapparat“, forderte die betagte Frau die Richterin auf. Diese setzte sich daraufhin direkt neben die Zeugin.

Deren Zeugenaussage war jedoch inhaltlich widersprüchlich, sodass letztlich ein Freispruch gefällt werden musste. „Die subjektive Tatseite ist nicht nachweislich“, erklärte Richterin Daniela Berger. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.