Wilderer wegen Nötigung angeklagt

Jäger stöberten nachts im Gebüsch einen vermeintlichen Wilderer auf und stellten ihn. Anklage wegen Nötigung.

Elisabeth Kirchmeir Erstellt am 14. Oktober 2021 | 03:50
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Auf der Suche nach einem Wilderer ertappten drei Jäger den Falschen.
Foto: Symbolbild: Shutterstock .com / rbkomar

15 Minuten lang musste ein 41-jähriger Mann am 27. Mai dieses Jahres kurz vor Mitternacht mit erhobenen Händen in einem Jagdrevier im Bezirk Eisenstadt am Boden knien.
Zwei Jäger bewachten ihn mit dem Gewehr im Arm. Am Montag dieser Woche mussten sie sich wegen des Vorwurfs der Nötigung vor Gericht verantworten.

„Seit 20 Jahren bin ich Jäger“, berichtete einer der Angeklagten. Außerdem ist der 41-Jährige Jagdleiter, Jagdpächter und Jagdschutzorgan.
„Bei uns im Revier gibt es Wilderer und ganz grausliche Vorfälle“, erzählte der Angeklagte. „Da werden Rehe ins Waidloch geschossen, das ist der After des Tieres, und dann vor einen Hochstand geschmissen!“

Der Wilderer sei noch heute „voll aktiv“, berichtete der empörte Jäger.

Am 27. Mai dieses Jahres sei am Nachmittag im Revier ein Schuss gefallen, obwohl keiner der berechtigten Jäger unterwegs war.
Gemeinsam mit dem 39-jährigen Mitangeklagten und einem weiteren, ebenfalls 39-jährigen Jäger habe er sich nachts auf die Suche nach dem Wilderer gemacht.
„Wir sind durchs ganze Revier gefahren“, berichtete der 41-Jährige. Man habe mit der Wärmebildkamera die Gegend abgesucht und mitten in der Einöde ein Auto stehen gesehen.
In einem nahegelegenen Gebüsch sichteten die Jäger eine Wärmequelle.

„Ich sagte, das ist vermutlich ein Reh“, berichtete der 41-jährige Jäger. Er habe mit seiner Schrotflinte in die Luft geschossen, um das Tier aufzuscheuchen. Aber alles blieb ruhig.
„Die B50 ist nur 150 Meter entfernt, da sind heuer schon acht Wildunfälle passiert“, berichtete der 41-Jährige weiter. Daher habe er vermutet, dass ein angeschossenes Wild im Gebüsch liegen könnte.

Der Lenker des Fahrzeuges sollte die Scheinwerfer aufs Gebüsch richten, die beiden anderen Jäger näherten sich von links und rechts.

„Auf einmal kommt uns eine Person entgegen!“

„Auf einmal kommt uns eine Person entgegen!“, schilderte der 41-Jährige den weiteren Verlauf.
„Hände in die Höh‘, außa da!“, habe er die Person zum Näherkommen aufgefordert. Und dann: „Knien Sie sich bitte nieder, ich will Sie durchsuchen, ob Sie eine Waffe haben.“
Er habe, so der ebenfalls 41-jährige nächtliche Revierbesucher, rote Lichter auf sich zukommen gesehen. „Es hieß, ich soll niederknien und Hände hoch und ich bin ein Wilderer. Ich war perplex!“, erinnerte er sich an die nächtlichen Szenen.

„Warum sind Sie um halb zwölf in der Nacht da?“, habe er den vermeintlichen Wilderer gefragt, so der 41-jährige Jäger. „Er sagte: Ich suche meinen Hund. Dann sagte er: Ich habe Probleme mit meiner Frau. Als Drittes sagte er, dass er Sondengeher ist und, dass seine Utensilien im Staudenwerk liegen.“
Da habe er „sicher nicht“ hingehen und nachschauen wollen, so der Jäger. „Was ist, wenn da eine Waffe drin ist oder ein Zweiter, dann eskaliert es.“
„Wir haben grad‘ an Wilderer gefangen!“

„Wir haben grad‘ an Wilderer gefangen“, habe er die Polizei informiert. „Ich war von der Situation komplett fertig!“, gestand das angeklagte Jagdschutzorgan. Auch sein mitangeklagter Kollege sagte: „Wir waren baff, er war baff. Wir waren alle aufgeregt.“
„Ich soll mich nur ja nicht bewegen, sonst passiert etwas“, habe der wortführende Jäger zu ihm gesagt, so der 41-jährige nächtliche Sondengeher.
Er habe auf Knien und mit erhobenen Händen ausgeharrt, bis die Polizei kam.

„Sind Sie dazu berechtigt, mit der Sonde auf Metallsuche zu gehen?“, wollte Richterin Doris Halper-Praunias von dem 41-Jährigen wissen.
„Ich war der Meinung, dass ich es ausprobieren kann“, antwortete der 41-Jährige. Er habe sich das Gerät neu gekauft gehabt und nicht mehr als rostige Blechteile und Draht gefunden.

Die angeklagten Jäger bekannten sich zum Vorwurf der Nötigung nicht schuldig.

Die Richterin fällte einen Freispruch im Zweifel. „Ich denke, es ist grenzwertig“, erläuterte Doris Halper-Praunias ihr Urteil.
Anders als Polizisten würden Jagdaufsichtsorgane nicht jahrelang darin geschult, was zu tun ist, wenn eine Person angehalten werden muss. Sie seien aber zur Anhaltung und sogar zur Festnahme verdächtiger Personen im Revier berechtigt.

Sie halte die Vorgangsweise der Angeklagten „gerade noch vertretbar“ und habe auch Verständnis dafür, dass die Identitätsfeststellung der Polizei überlassen worden sei.
Zum Schluss brachte die Richterin Kritik an der Gesetzeslage an: „Generell finde ich es problematisch, dass es einfache Personen sind, die in solche Situationen kommen und mitten in der Nacht mit einem Gewehr vor fremden Personen stehen. Das ist ein Wahnsinn!“
Das Urteil ist nicht rechtskräftig.