Siegendorfs Bürgermeisterin Stenger: „Frauen können das schaffen!“

Die BVZ traf Siegendorfs Alt-Bürgermeister Rainer Porics und seine Nachfolgerin Rita Stenger (beide SPÖ) zum Doppelinterview.

Erstellt am 26. November 2021 | 15:15
Lesezeit: 4 Min

Wie hat Ihre Familie darauf reagiert, dass Sie Bürgermeisterin werden?

Rita Stenger: Meine Tochter war erst traurig, weil ich die Schule verlasse, hat aber gefragt: „Bist dann ja die 1. Frau als Bürgermeisterin?“ Ich hab „Ja“ gesagt und für sie war klar: „Na dann machst du das!“ Mir ist wichtig zu zeigen, dass Frauen das auch schaffen. Ich will jetzt nicht die Quotenfrau sein, aber schon ein Vorbild für Mädchen. Und mein Mann wird sich halt umgewöhnen müssen (lacht). Im Ernst: Ohne Unterstützung zu hause geht’s nicht. Man will ja schon auch die Familie stolz machen.

Wie war der Abschied aus der Schule, wo sie das Direktorinnen-Amt übergeben haben?

Stenger: Sehr emotional. Die Schule war immer mein Herzensprojekt. Ich sehe das aber so: Bisher konnte ich nur für die Kinder und Eltern arbeiten, jetzt aber für alle in Siegendorf. Ich bin aber öfter auf Besuch in der Schule. Bildung wird auch weiterhin ein Schwerpunkt meiner politischen Arbeit sein, dazu kommt der soziale Aspekt.

Wie ist Siegendorf durch die Corona-Krise gekommen?

Rainer Porics: Wir haben keine Hilfsmittel gebraucht und alle Projekte selbst gestemmt, sind also gut durch die Krise gekommen. Das ist auch das Verdienst der vielen hier angesiedelten Betriebe. Bei diesen arbeiten auch sehr viele aus Siegendorf und viele Einwohner der Nachbarortschaften. Hier hat man immer geschaut, dass man freie Posten mit Menschen aus der Region besetzen kann.

Das Dauerthema A3-Ausbau, scheint nun vom Tisch.

Stenger: Ich gehe schon davon aus, dass die Bundesregierung hält was sie verspricht. Ich wüsste auch nicht, was Siegendorf das bringen sollte, außer noch mehr Lärm und Verkehr.

Porics: Ich bin seit 29 Jahren Gemeindevertreter und seit 20 Jahren diskutieren wir darüber. Wir haben immer offen mit den Siegendorfern geredet und gesagt, dass wir das nicht wollen. Das Vertrauen war immer da. Was ich aber schon schade finde, ist: Die EU finanziert Ungarn ein hochrangiges Straßennetz, anstatt auf Zugsverbindungen setzt. Das wäre für alle Beteiligten gescheiter und auch nachhaltiger gewesen.

Wie ist das Sicherheitsgefühl in Siegendorf nach der jüngsten Flüchtlingstragödie?

Stenger: Es ist schon ein ungutes Gefühl da, aber Angst hat niemand. Als die Toten gefunden wurden, waren die Straßen voller Autos mit Sirenen – das haben auch die Kinder in der Schule mitbekommen. Auch mein Sohn hat mich gleich danachgefragt. Wir würden uns da wirklich zusätzliche Mittel vom Bund wünschen. Den flüchtenden Menschen, die sich ein besseres Leben aufbauen wollen, möchte ich gar keinen Vorwurf machen. Aber die Schlepperei ist derartig professionelles Verbrechen – das hat es vor ein paar Jahren so nicht gegeben.

Porics: Alle Gemeinden in Grenznähe, und da vor allem die Einwohner am Ortsrand, haben schon ein unangenehmes Gefühl. Entscheidungsträger auf EU-Ebene sehen das ja nicht, aber wir hier spüren es.

Siegendorf ist stark gewachsen – wieviel ist gut für eine Gemeinde, wieviel ist zu viel?

Porics: Das kann man nicht in Prozent sagen, sondern man spürt in einer Gemeinde, wann eine Phase ist, in der man wachsen kann, etwa, wenn Wohnraumbedarf bei jungen Leuten ist, und wann man eine Pause braucht. Leistbarer Wohnraum ist da, junge Menschen können in Siegendorf wohnen ohne sich massiv verschulden zu müssen

Stenger: Oberstes Gebot soll bei Neubauten auch sein, dass die Siegendorfer auch in Siegendorf bleiben können.

In vielen Gemeinden sterben trotz Zuzug die Ortskerne, wie ist das in Siegendorf?

Stenger: Hier funktioniert die Ortskern-Belebung gut. Ein Beispiel ist das Betreute Wohnen auf dem Grundstück eines ehemaligen Gasthofs. Generell gibt es nicht viel Leerstand im Zentrum. In Zukunft soll es zu den verkehrsberuhigenden Maßnahmen auch eine Offensive für mehr Fahrräder geben.

Porics: Auch der „Volksengerlbus“ sorgt für den Austausch in der Gemeinde. Die vielen Mitglieder und ehrenamtlichen Fahrer machen das Projekt zur Erfolgsgeschichte.

Lernen noch viele Kinder Kroatisch in Siegendorf?

Stenger: Die Angst vor Zweitsprachen wird bei uns bereits im Kindergarten genommen, wo wir schon damit beginnen, die Sprache zu lehren.

Immer mehr Vereine beklagen Nachwuchsmangel – vor allem seit Pandemie-Beginn.

Stenger: Es gibt bei uns sehr viele Vereine und es gibt sie trotz Krise noch immer. Wir bauen derzeit die alte Reithalle um. Diese soll danach als Veranstaltungshalle allen Vereinen zur Verfügung stehen.

Porics: Generell ist das Ehrenamt ein wichtiger Bestandteil im Staat – dieser könnte sich diese Leistungen nicht leisten.

Auf welche Projekte blicken Sie besonders stolz zurück?

Porics: Stolz bin vor allem auf den Austausch mit der Bevölkerung, die sich immer sehr aktiv einbringt. Gewerbegebiet, neues Bauland, Betreutes Wohnen – all das ist im Zuge von Bürgergesprächen entstanden.