Ein Leuchtturm geht auf Reisen. Die Nordseeküste hat in Jütland viel zu bieten. Ein Bericht von zehn Urlauben in einer für Österreich unbekannten Gegend.

Von Karl Pröglhöf. Erstellt am 19. Februar 2020 (01:32)

Ich muss mich neu orientieren. Mein Lieblingsplatz auf dieser Welt, der Leuchtturm Rubjerg Knude auf der Wanderdüne an der dänischen Nordseeküste nahe dem Ort Lönstrup wurde um 70 Meter ins Landinnere verschoben. Sonst wäre der Fyr in den nächsten Jahren ins Meer gestürzt …

Der Leuchtturm wurde 1900 in Betrieb genommen. Damals stand er 200 Meter landeinwärts. Bald jedoch baute sich vor ihm von Meeresseite eine mächtige Sanddüne auf, sodass sein Licht ab 1968 den Schiffen nicht mehr den richtigen Weg weisen konnte, zum anderen knabberten die mächtigen
Wellen während der Winter-
stürme an der Steilküste. Zu-letzt trennten den 23 Meter hohen Leuchtturm nur mehr wenige Meter von dem Fall in die Tiefe.

In einer spektakulären Aktion wurde das auf knapp 1.000 Tonnen geschätzte Bauwerk samt Fundament mittels Hydraulik angehoben und auf einer Art Rollschlitten zu einem für die nächsten 40 Jahre sicheren Ort verschoben.

Den Rubjerg Knude Fyr kenne ich seit mehr als 30 Jahren, bin etwa alle zwei Jahre dort. Zu Beginn unserer „Freundschaft“ gab es noch die Nebengebäude der Leuchtturmwärter als Flugsandmuseum, bis sie vom Sand zugeschüttet wurden. Die Reste wurden in den vergangenen Jahren zum Teil wieder freigelegt, nachdem die Düne über das Leuchtturmgelände hinweggezogen war.

Da wird man braun, ohne zu schwitzen …

Der Leuchtturm ist eine der größten Attraktionen Nordjütlands. Pro Jahr genießen 250.000 Dünenkletterer das unvergleichliche Ambiente – bei Wind mit Gratis-Hautpeeling. Besonders toll ist die Stimmung, wenn die blutrote Sonne am Abend am Horizont in der Nordsee versinkt.

„Du machst Urlaub an der Nordsee in Dänemark?“ Diese Frage von Freunden und Bekannten habe ich oft gehört. Und ich schwärme dann immer vor, wie schön es dort ist. Okay, es regnet öfter, aber selten den ganzen Tag lang. Durch den Wind verziehen sich die Schauer so schnell, wie sie gekommen sind. Temperaturen? Im Sommer im Regelfall um die 25 Grad, das Wasser hat etwa 18 Grad. Da wird man braun, ohne zu schwitzen ...

Baumeister Kjeld Pedersen aus Lönstrup hatte dieIdee, den Leuchtturm Rubjerg Knude in einem Stück zu verschieben, bevor er ins Meer fällt. Nach inten-siver Vorbereitung klappte der „Umzug“ binnenweniger Stunden.
NOEN

Mein Lieblingsort ist Lönstrup. 600 Einwohner. Tausende Touristen verteilen sich auf die bunten Ferienhäuser am Ortsrand, da kommt keiner dem anderen in die Quere. Highlife
gibt es dort auch nicht. Dafür viel Entspannung beim Wandern entlang des Strandes und zwischen den Dünen. Lönstrup ist ein Künstlerort mit Glasbläsereien, Keramikstuben und Galerien. Lönstrup ist zugleich ein idealer Standort für die Erkundung des nordwestlichen Teils Dänemarks zwischen Blokhus und Skagen – oder für einen Abstecher an die Ostsee bei Aalborg.

Skagen – ein Muss. Auf der Landzunge Grenen steht man mit einem Fuß in der Nord-(Skagerrak), mit dem anderen in der Ostsee (Kattegat), dahinter prallen die Wellen von beiden Seiten aufeinander. Erlebnis pur. Das „Land des Lichts“ hat seit Jahrhunderten Maler wie Peder Kroyer, Michael Ancher und Holger Drachmann zu imponierenden Bildern inspiriert. Karen Blixen schrieb in der Ruhe des Nordens ihren Erfolgsroman „Jenseits von Afrika“. Für kleine und große Besucher interessant: das Bamsemuseum mit hun-derten Teddybären. Von der lebendigen Altstadt sind es nur wenige Schritte hinaus zum Hafen. Er ist geprägt von den rot-weiß gestrichenen Häusern, großteils Restaurants, wo übrigens auch Wein aus Österreich serviert wird.

Südlich von Skagen liegt die Tilsandede Kirke – eine versandete Kirche als Rest eines Klosters, das auf der Flucht vor dem Sand abgetragen wurde. Doch mit Rabjerg Mile, der größten Wanderdüne Europas, droht wieder Gefahr: Sie verlagert Millionen Kubikmeter Sand jährlich um 15 Meter von der Nord- Richtung Ostsee.

4,5 Millionen Liter Wasser im Becken

Zwischen Lönstrup und Skagen liegt Hirtshals. Die Stadt selbst bietet nicht viel, doch am Rand gibt es zwei tolle Ziele. Zum einen das Ozeanarium mit einem Einblick in das Leben der Nordsee. Im mit 4,5 Millionen Liter Wasser gefüllten Becken werden von einem Taucher der riesige Mondfisch und Haie gefüttert. Gleich neben dem weißen Leuchtturm kann man durch eine Bunkerlandschaft aus dem 2. Weltkrieg spazieren. Als Teil des Atlantikwalls ließ Adolf Hitler Dutzende Bun-

ker und Geschützstellungen errichten. Zu Kampfhandlungen ist es zum Glück nicht gekommen. Mittlerweile ist im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Zeugen dieser Zeit gewachsen.

Südlich von Lönstrup werden die Sandstrände zwischen Lökken und Blokhus immer breiter, ideal für Familien mit Kleinkindern, zum Teil dürfen die Küstenstreifen mit Autos befahren werden. Eine Besonderheit in Lökken ist die Bolcheriet, wo vor den Augen der Kunden Bonbons in verschiedensten Farben und Formen erzeugt werden.

Wechselt man von der West- auf die Ostküste, kommt man an Hjörring vorbei. Ein netter Ort mit einer besonders sehenswerten Bücherei im Einkaufszentrum Metropol.

50 Kilometer weiter liegt Aalborg am Limfjord mit netten Gässchen und Häusern im Zen-trum sowie kulturellen Einrichtungen für Musik und Malerei sowie einem Seefahrtsmuseum mit begehbarem U-Boot.

Von Frederikshavn bietet sich mit der Fähre ein Tagesausflug nach Göteborg in Schweden an, von Hirtshals kommt man per Schiff leicht nach Norwegen.

Kurz und gut: Im Sommer bin ich wieder dort – auch wenn ich als Österreicher unter Deutschen und Skandinaviern ein Exote bin …