Wo Orpheus seine Lieder sang. Thrakien und Ost-Makedonien – ein zauberhaft schönes Stück Hellas mit einer versteckten Trauminsel.

Von Udo Sagl. Erstellt am 07. September 2018 (12:47)

Wilde Tiere scharten sich friedlich um ihn her. Bäume neigten ehrfurchtsvoll ihre Krone. Und Felsen begannen augenblicklich zu weinen, sobald seine Musik erklang. „Wenn Orpheus über die Lyra strich und sang“, so heißt es in der Mythologie, „dann schwiegen sogar der Wind und das Meer.“

Eine zauberhafte Geschichte, die in einer zauberhaften Gegend spielt: Thrakien und Ost-Makedonien. Die Heimat von
Orpheus ist ein wunderschönes Stück Hellas im äußersten Nordosten von Griechenland. Eine Welt für sich.

Prunkstück der abgeschiedenen Region: Samothraki, eine gut „versteckte“ Trauminsel.

75.000 Ziegen und eine einzige Tankstelle

Mächtige Bergketten, riesige Platanenwälder, sprudelnde Wasserfälle und ausgedehntes Weideland prägen das paradiesische Landschaftsbild. Und fast überall auf der Insel ertönt das melodiöse Lied unzähliger Zikaden. Als hätte Orpheus ein Orchester hinterlassen ...

Ansonsten ist es jedoch mehr als ruhig auf Samothraki. Es gibt 2.700 Einwohner, 75.000 Ziegen und eine Tankstelle. Die wenigen Touristen sind fast alle treue Stammgäste. „Wer einmal hier war, der kommt immer wieder“, erzählt Reiseführer Georgios. „Diese Insel strahlt so viel positive Energie aus. Sie ist ein Kraftplatz.“

Das wussten die Menschen schon in der Antike zu schätzen. So bauten sie an einem magischen Ort am Ende einer bewaldeten Schlucht das „Heiligtum der großen Götter“, das sich zu einer bedeutenden Pilgerstätte der alten Griechen entwickelte. Hier fanden Archäologen 1863 die weltberühmte Statue der geflügelten Siegesgöttin Nike.

Auch das Festland bietet jede Menge Kulturschätze. So ist in der Kleinstadt Feres die byzantinische Kirche Panagia Kosmosotira zu bewundern. Sie gleicht der Hagia Sofia von Istanbul bis ins Detail – freilich im Kleinformat. Ebenfalls sehenswert sind das antike Theater bei Maronia, die kunterbunte Regionshauptstadt Komotini – und vor allem das Kloster Agios Nikolaos: Es thront absolut idyllisch auf einer kleinen Insel in der Lagune des Sees Vistonida und ist nur über Holzstege erreichbar.

Wo die Nachtigallen am schönsten singen

Wer es gern lebendiger hat, ist in der sympathischen Hafenstadt Alexandroupolis gut aufgehoben. Und selbst im Provinz-städtchen Soufli ist immer etwas los. Besonders dann, wenn das traditionelle Seidenfest auf dem Programm steht. Soufli ist für die Produktion feinster Stoffe bekannt, und einmal im Jahr wird der bescheidene Wohlstand der Region groß gefeiert.

Ganz in der Nähe liegen bedeutende Naturschutzgebiete: Im weitläufigen Evros-Delta sind 400 Vogelarten, unter ihnen Flamingos, zu beobachten. Und im Wald von Dadia, so sagt man, singen die Nachtigallen so wunderschön wie sonst nirgendwo auf der Welt. Orpheus lässt grüßen.