Balsam für Kehle und Seele. Lettland lockt immer mehr Gäste mit herrlicher Naturlandschaft, vom weißen Ostseestrand bis zu dunklen Kiefernwäldern. Aber der kleine baltische Staat punktet auch mit intakten Kulturschätzen, die die Letten, wie viele ihre Traditionen, in die Gegenwart gerettet haben.

Von Beate Steiner. Erstellt am 13. Februar 2019 (04:31)

Weiß leuchtet der Strand, der sich scheinbar unendlich an die dunkelblaue Ostsee schmiegt. Glitzernder Schnee bedeckt das Meeresufer von Jurmala. Jetzt, im Winter, ist das lettische Seebad bevölkert von gesundheitsbewussten Genießern, die sich in den modernen Spa-Hotels verwöhnen lassen. Die schwefelhaltigen Quellen und Schlammbäder von Jurmala ziehen allerdings schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts Gäste an. Im Sommer herrscht dann buntes Treiben am 24 Kilometer langen und bis zu 100 Meter breiten weißen Quarzsandstrand.

Die Gäste kommen aus der nahen Hauptstadt Riga, so mancher besitzt ein Sommerhaus im Kurort an der Ostsee, entspannt sich in der guten Luft der Kiefernwälder. Diese sind nicht nur allgegenwärtig in Lettland – rund die Hälfte des baltischen Staates ist von Wald bedeckt – sie liefern auch den Baustoff und haben sogar Einfluss auf die Bauordnung: Die Holzhäuser in Jurmala dürfen nicht höher sein als die Bäume.

Alte Bausubstanz wird zu neuer Kulisse

Das gilt natürlich nicht für Riga. Mehr als 800 eindrucksvolle Jugendstilbauten prägen die lettische Hauptstadt. In den mittelalterlichen Gassen der Altstadt, die zum Weltkulturerbe zählt, finden sich einzigartige sakrale Bauwerke, wie der im 13. Jahrhundert erbaute Rigaer Dom oder die in Backsteingotik erbaute Petrikirche mit ihrem 140 Meter hohen Turm. Alte Kaufmannshäuser erinnern an Zeiten, als Riga Mitglied der Hanse und bedeutende Handelsstadt war, etwa die Große und die Kleine Gilde oder auch das Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz. Das wurde allerdings im Zweiten Weltkrieg zerstört und als perfekte Kopie vor etwa 25 Jahren wieder aufgebaut.

Die Letten lieben ihr kulturelles Erbe, auch ihr architektonisches. Und sie integrieren die Vergangenheit in die Zukunft. Zum Beispiel in Goldingen, Kuldiga. Dort unterstützt die Stadtverwaltung die Hausbesitzer dabei, die alte Bausubstanz zu erhalten, damit die Stadt ihr charmantes Aussehen behält. Denn die mittelalterliche 12.000-Einwohner-Stadt ist Kandidatin für das UNESCO-Weltkulturerbe – und sie war Kulisse für so manchen historischen Film, etwa für den Antikriegsfilm „Die Brücke“. Vor der Brücke in Kuldiga stürzt sich übrigens der mit 250 Metern breiteste Wasserfall Europas zwei Meter in die Tiefe.

Das Erbe Lettlands in die Gegenwart geführt hat auch Daniel Jahn. Der Hotelfachmann ist Hausherr in Kuksu Muiza, einem stattlichen Herrenhaus inmitten der ruhigen Landschaft Lettlands. Große historische Räume versetzen die Gäste in eine andere Welt. Sie sind ausgestattet mit wertvollen antiken Möbeln, brokatüberzogenen Fauteuils und unzähligen Büchern und beheizt mit alten Kachelöfen.

Als Jahn das Anwesen 1999 erwarb, war es eine Ruine. Drei Restauratoren haben das Gebäude in siebenjähriger mühevoller Kleinarbeit renoviert, etwa elf Schichten von den Wänden abgetragen, damit die ursprüngliche Malerei wieder zum Vorschein kam. Die Wände sind zusätzlich geschmückt mit über 500 Bildern vorwiegend lettischer Künstler. Auch die Gästezimmer im Landhotel sind prunkvoll ausgestattet — und lassen trotzdem keinen Komfort vermissen, nicht einmal W-Lan, wie überall in Lettland.

In Lettland gibt es das beste Brot …

Daniel Jahn hat die Kunstwerke zusammengetragen. Auch das Porzellan, das Silberbesteck, die Kerzenleuchter. Das Gedeck schmückt die Tische, wenn der Hausherr persönlich aufkocht – in bester Qualität. Und mit Zutaten aus der Umgebung. Wild und Schwammerl aus den Wäldern, Gemüse und Säfte von den Nachbarn.

Apropos lettisches Essen: Im kleinen Baltenstaat gibt es das beste Brot, sagen die Einheimischen – und sie sind zu Recht stolz auf ihre Speisen. Denn auch kulinarisch setzen die Letten auf Tradition. Die berühmte Laima-Schokolade, zum Beispiel, und natürlich das Nationalgetränk, der „Schwarze Balsam“, ein Kräuterlikör, der im Winter auch mit Ribiselsaft verdünnt als wärmender Punsch getrunken wird – quasi medizinischer Balsam für die Kehle, den Magen – und wie so vieles in Lettland – für die Seele.