Hollabrunner Mediziner: "Licht am Ende des Tunnels". „Alle in Österreich verwendeten Impfstoffe sind ausgezeichnet wirksam“, betont Gunther Leeb.

Von Christoph Reiterer. Erstellt am 05. Mai 2021 (04:58)
Die Verordnung von richtig dosiertem Kraft- und Ausdauertraining wird eine wichtige Aufgabe zur Behandlung der Corona-Folgen darstellen, ist Sportarzt Gunther Leeb überzeugt.
Leeb, Leeb

Nichts beschäftigt derzeit mehr als die Corona-Impfungen sowie die seelischen und körperlichen Folgen der Pandemie. Die NÖN bat dazu den Hollabrunner Sport- und Allgemeinmediziner Gunther Leeb zum Gespräch.

NÖN: Bei den Impfungen scheint jetzt richtig Tempo reinzukommen, bis 10. Mai sollen sich alle über 16 anmelden können. Sind wir bald aus dem Gröbsten raus?

Leeb: Es schaut jetzt erfreulicherweise sehr gut aus und wir steuern auf einen guten Sommer zu. Bis alle Altersgruppen durchgeimpft sind, und damit meine ich auch Kinder und Jugendliche, wird es aber immer wieder gerade in diesen Altersgruppen noch Clusterbildungen geben. Alle in Österreich verwendeten Impfstoffe wirken ausgezeichnet und bei den Impfungen haben wir jetzt wirklich ein hohes Tempo erreicht. Somit wird sich in den nächsten Tagen und Wochen die Anzahl der Corona-Patienten weiter kontinuierlich reduzieren. Der Großteil der Österreicher ist ja auch an einer Corona-Impfung höchst interessiert und somit kann man sagen, dass wir gerade dabei sind, in das viel zitierte Licht am Ende des Tunnels einzutauchen.

Die Ärztekammer hat immer wieder gewettert, dass die Hausärzte bei der Impfkampagne mehr oder weniger ausgebremst werden. Wie haben Sie das selbst erlebt?

Leeb: Betrachten wir einmal die Impfsituation in Österreich ganz analytisch: Es ist fantastisch, dass wir nach wenigen Monaten Pandemie bereits mehrere hocheffektive Impfstoffe zur Verfügung haben. Die erste Impfung in Österreich wurde am 27. Dezember an der MedUni Wien verabreicht und nach nur fünf Monaten sind wir bereits so weit, allen interessierten Menschen eine Impfung anbieten zu können. Das geschieht in Niederösterreich einerseits in den Impfzentren, aber auch in sehr hoher Zahl dezentral in hunderten Hausarztpraxen – und diese parallele Impfstrategie wird erfreulicherweise auch weiter erfolgen. Dass bei einer so raschen Ausrollung vielleicht ein paar Unstimmigkeiten entstehen, ist normal. Ich selbst impfe mit meinem Ordinationsteam bereits seit Anfang März an drei bis vier Tagen pro Woche in der Ordination und da wir das ganze Jahr Impfungen verabreichen und eingespielt sind, läuft das ausgezeichnet. Ich bekomme auch laufend die Rückmeldung meiner Patienten, dass sie die Impfung direkt in der hausärztlichen Praxis ganz besonders schätzen. In meiner Impfstelle sind derzeit bis Mitte August Impftermine gebucht (Anmerkung: Anmeldung ausschließlich zentral über www.impfung.at möglich!) und auch das Zusammenspiel mit der zentralen Impfanmeldestelle Notruf NÖ funktioniert sehr gut.

Mit dem vierten Lockdown ist einmal mehr das Vereinsleben und damit auch das Sportangebot für Kinder zum Erliegen gekommen. Nicht wenig Menschen sehen das sehr kritisch und meinen, dass der Sport ein Teil der Lösung sein müsste. War die Entscheidung, keinen geregelten Nachwuchssport zuzulassen, falsch?

Leeb: Der Stopp der Indoor-Sportarten in den harten Lockdowns war leider notwendig und sinnvoll. Wir wissen mittlerweile, dass gerade durch körperliche Aktivität indoor die Tröpfchenverteilung stark zunimmt und somit eine deutlich erhöhte Gefahr für die Verbreitung des Coronavirus besteht. Vereine, die an Meisterschaften teilnehmen, durften ja großteils bei regelmäßiger Testung auch das Training im Winter indoor wieder aufnehmen. Die drastischen Maßnahmen im ersten Lockdown, wo auch Outdoor-Sportarten nur sehr zögerlich wieder zugelassen wurden, waren aus heutiger Sicht sicher übertrieben. Aber das Wissen über die Infektionswege hat sich ja seither massiv erhöht. Nicht ganz ohne Stolz möchte ich in diesem Zusammenhang auf unseren Motorikpark in Hollabrunn verweisen, der ja gerade jetzt in der Coronakrise zu einer wirklichen Ganzjahresattraktion geworden ist. Wir waren in Hollabrunn auch eine der ersten Gemeinden, die nach dem harten Lockdown im Frühjahr 2020 die Parks wieder aufgesperrt hat – ein großer Dank dafür an dieser Stelle an die Stadtgemeinde.

Wie schlimm sind die psychischen und physischen Schäden, die durch diese Pandemie ausgelöst wurden und werden?

Leeb: Es gibt zweifelsohne dramatische psychische und physische Folgeerscheinungen der Pandemie. Der Bewegungsmangel hat laut aktuellen Studien vor allem auch bei Kindern zu Gewichtszunahme und reduzierter Fitness geführt. In den allermeisten Fällen sollten diese physischen Probleme aber in einigen Monaten durch regelmäßiges körperliches Training gut bewältigt werden. Ganz anders sieht es da beim sogenannten „Long-Covid-Syndrom“ aus, einem länger andauernden Erschöpfungszustand nach durchgemachter Covid-19-Erkrankung. Es betrifft Gott sei Dank nur einen kleinen Prozentsatz an Patienten und ist wissenschaftlich noch nicht genau geklärt. Ein wesentlicher Schlüssel in der Rehabilitation liegt aber auch bei diesen Patienten in der regelmäßigen und richtig dosierten ärztlichen Verordnung von Kraft- und Ausdauertraining, was gerade für uns in der Sportmedizin eine wichtige Aufgabe in den kommenden Monaten darstellen wird.

Mit welchen „Corona-Sorgen“ sind Ihre Patienten und Bekannten an Sie herangetreten?

Leeb: Corona-Sorgen und -Anfragen sind in der Ordination seit einem Jahr praktisch zum Alltag geworden. Es gibt nahezu kein Patientengespräch, in dem nicht über Quarantäne, Corona-Impfungen oder Covid-erkrankte Angehörige gesprochen wird. Gerade das Impfthema und die verschiedenen Impfstoffe haben das erste Halbjahr 2021 geprägt. Vielleicht darf ich daher diese Gelegenheit noch einmal nützen und jedem, der bereits die Möglichkeit hat, dringend zur Impfung raten. Alle – und wirklich alle – in Österreich verwendeten Impfstoffe sind ausgezeichnet wirksam und grundsätzlich sehr gut verträglich. Die Covid-19-Erkrankung hingegen kann leider auch bei jüngeren Patienten sehr schwer verlaufen.

Wie ist es Ihnen selbst in den Lockdowns ergangen? Wie haben Sie sich – mit Ihrer Familie – auf die veränderte Lebenssituation eingestellt?

Leeb: Es ist für mich und meine Familie, wie für alle, eine sehr herausfordernde Zeit. In meiner Ordination wurden alle Patientenkontakte auf ein elektronisches Terminsystem umgestellt, damit nur wenige im Warteraum Platz nehmen. Die stundenlange Arbeit mit der FFP2-Maske ist für mein Ordinationsteam und mich nach wie vor mühsam. Aber dafür schätze ich das Privileg sehr, in dieser Zeit arbeiten zu dürfen – das ist für viele Menschen derzeit nicht möglich. In der Familie, wir haben drei schulpflichtige Kinder, war die Umstellung auf Home-Schooling vor allem für meine Frau eine große Herausforderung. Sie ist selbst Lehrerin am Erzbischöflichen Gymnasium in Hollabrunn, hat viele Tage parallel die eigenen Kinder beim Distance-Learning betreut und ihre Klasse von zu Hause aus unterrichtet. Ich denke trotzdem: Es wird jetzt für uns alle wieder leichter und in den nächsten Wochen werden wir mit zunehmender Durchimpfung die Pandemie hinter uns lassen.

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