„Haben keine Zeit zu warten“

Erstellt am 17. März 2023 | 08:00
Lesezeit: 4 Min
Psychische Gesundeit
Depressionen und Essstörungen sind seit Pandemiebeginn deutlich gestiegen. Immer mehr Kinder und Jugendliche brauchen psychologische Hilfe. Die Therapieplätze sind rar.
Foto: Shutterstock/VH-Studio, VH-studio
Immer mehr Kinder und Jugendliche kämpfen mit psychischen Problemen. Die Pandemie war hier nochmals ein Beschleuniger, sagt auch Dr. Roland Grassl, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Psychosozialen Dienstes Nordburgenland.

Eine von der Weltgesundheitsorganisation WHO in Auftrag gegebene Studie, bei der auch 7.100 Schülerinnen und Schüler in Österreich befragt wurden, zeigt: Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich in der Pandemie weiter verschlechtert und das ist auch im Burgenland so. Vor allem betroffen sind Mädchen, die häufiger gereizt, schlecht gelaunt oder häufiger niedergeschlagen sind und so schneller in eine Depression rutschen können. Noch mehr haben Ess- oder Angststörungen. Keine Neuigkeit für Dr. Roland Grassl, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Psychosozialen Dienstes Nordburgenland, der ein deutliches Bild zeichnet, aber auch eine Botschaft hat. „Wir haben keine Zeit zu warten. Wir müssen etwas tun, um den Bedarf abzufangen“, so Grassl. Die Frequenz und Inanspruchnahme des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes im Burgenland mit Standorten in Eisenstadt und Oberwart ist in den letzten fünf Jahren nämlich um 40 Prozent gestiegen. „Corona hat die Situation noch einmal verschärft, da die Belastung in vielen Familien gestiegen ist.“ Die Fälle werden auch immer komplexer, weiß Grassl.

Kritik an ÖGK: Zu wenig Therapieplätze und Ärzte

Kinder- und Jugendpsychiatrie
Dr. Roland Grassl, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des PSD Nordburgenland.
Foto: Privat

Doch viele Kinder und Jugendliche bekommen keine oder erst zu spät Hilfe. Der Grund: trotz steigender Patientenanzahl, gibt es zu wenig Therapieplätze und zu wenig Fachärzte. Im Burgenland sind es derzeit gerade einmal sechs. Kritik kommt hier auch von Johannes Zsifkovits, dem Geschäftsführer der Sozialen Dienste Burgenland GmbH: „Die Finanzierung der Kinder- und Jugendpsychiatrie läuft über die ÖGK. Leider kann diese mit der Steigerung des Bedarfs in den letzten Jahren nicht Schritt halten“, meint Zsifkovits.

Vor der Krise habe man, so Grassl, im Durchschnitt einen Patienten neun Mal pro Jahr gesehen, mittlerweile sind es nur mehr zwei bis drei Mal pro Jahr.

Ein Grund dafür sei unter anderem die angespannte Personalsituation. Den Vorstoß des Landes, nämlich höhere Gehälter zu bezahlen, um als Standort attraktiver zu werden, bezeichnet Grassl, als einen von vielen Ansatzpunkten, um die Problematik zu entschärfen. „Pro Kind, welches man behandelt, sieht man eines nicht“, erklärt Grassl. Dabei habe man im Burgenland ein multiprofessionelles Angebot für Kinder- und Jugendpsychiatrie. In Eisenstadt beispielsweise hat man die einzige Abhängigkeitsambulanz im Rahmen einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Österreich etabliert und eine Entwicklungsambulanz entwickelt. Um aber mit dem steigenden Patientenaufkommen mithalten zu können, müsse das Angebot, so Grassl, dringend ausgebaut werden.

Das kann auf zwei Ebenen passieren, nämlich beim Ausbau des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes und in der Vollfinanzierung der Psychotherapie auf Krankenschein für Kinder und Jugendliche. „Aber auch mit dem Ausbau der Kinder- und Jugendhilfe, die in den letzten Jahren extrem ausgedünnt wurde“, meint Grassl. „Seit der Zusammenlegung der Krankenkassen geschehen solche Entwicklungen in der Finanzierung allerdings nur schwerfällig“, merkt Zsifkovits an. Bemerkbar mache sich die angespannte Lage durch ein zunehmendes Auseinanderklaffen zwischen Personal und Inanspruchnahme. Waren die Wartezeiten auf einen Therapieplatz bislang bei rund drei Monaten, so steuere man jetzt auf ein halbes Jahr zu. Den stationären Bereich, wo man im Norden mit der Hinterbrühl kooperiert und im Süden mit dem LSF in Graz, hat es dabei fast noch schlimmer getroffen. „Therapeutisch diagnostische Aufenthalte gibt es quasi nicht mehr im Burgenland, hier bekommt nur mehr der ein Akutbett, der wirklich eines braucht“, schildert Grassl.