„In der Krise sucht man einfache Erklärungen“. Wie Verschwörungstheorien entstehen und was gegen Covid-Frust hilft, erklärt der Psychologe Andreas Olbrich-Baumann aus Neunkirchen.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 18. November 2020 (04:55)
Der Neunkirchner Andreas Olbrich- Baumann ist Sozialpsychologe und lehrt an der Uni Wien.
privat

Menschen gehen auf die Straße, um gegen die Maßnahmen zu demonstrieren, ein Volksbegehren, das die Aufhebung aller Corona-Gesetze zum Ziel hat, haben bereits über 20.000 Menschen unterschrieben. Und auch unter Bürgern, die die Pandemie eindämmen möchten, macht sich Frust über Einschränkung breit. Warum das so ist, und was man dagegen tun kann, erklärt der Neunkirchner Sozialpsychologe Andreas Olbrich-Baumann.

NÖN: Verschwörungstheorien geistern durchs Netz, Kritik an Maßnahmen wird lauter. Woran liegt das?

Andreas Olbrich-Baumann: Das Letzte, das Menschen wollen, ist, in der Freiheit eingeschränkt zu werden. Leute brauchen Kontrolle. Wenn die Wahlfreiheit nicht mehr gegeben ist, müssen Menschen zumindest wissen, warum sie etwas tun. Hat man das nicht, bildet sich ein starker Erregungszustand. Leute wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, und richten ihre Wut gegen andere. Deshalb haben wir am Anfang der Krise viel Gewalt in der Familie gesehen, deshalb gibt es aber auch Kritik an Politikern oder Experten.

Was passiert, wenn das Wissen, warum man etwas tun muss, nicht gegeben ist?

Olbrich-Baumann: Wenn keine Erklärungen kommen, versucht man, sich Dinge selbst zu erklären. Hier sind wir bei den Verschwörungstheorien. In Krisen wird das Denken einfacher. Es werden einfachere Begründungen verwendet, kürzere Sätze gesprochen, es kommt zu Schwarz-weiß-Denken.

Gibt es Menschen, die für Verschwörungstheorien besonders anfällig sind?

Olbrich-Baumann: Ja. Das sind Menschen mit niedrigem Selbstwert, die eher ärmer sind. Am Anfang einer Krise sind das auch Leute, die weniger Bildung und keine gute Medienkompetenz haben, die unreflektiert Dinge übernehmen. Wenn eine Krise länger anhält, ändert sich das aber. Dann ist es so, dass auch Gebildete darauf reinfallen. Etwa weil sie sehen, dass schon viele Menschen dieser Meinung sind. Das ist der Konformitätsdruck. Da sind wir jetzt.

Der Großteil der Bevölkerung hält sich an die Maßnahmen. Spurlos geht die Krise aber wohl auch an ihnen nicht vorbei. Was bewirken solche Einschränkungen?

Olbrich-Baumann: Die Menschen müssen ihr Leben ummodeln. Jetzt steht der Ernst des Lebens im Vordergrund. Man hat weniger Spaß. Dabei wäre es so wichtig, dass Menschen lachen.

Spaß haben - ist das das Rezept, in der Krise durchzuhalten?

Olbrich-Baumann: Genau. Man sollte schauen, was einem Spaß macht und was man umsetzen kann. Tagebuch schreiben ist auch gut. Außerdem viel rausgehen in die Natur. Weniger hilfreich ist es, Zeit auf Facebook oder Twitter zu verbringen.

Welche Tipps haben Sie für Politiker, was die Kommunikation anbelangt?

Olbrich-Baumann: Angst ist kein guter Faktor. Politiker sollten Handlungsoptionen aufzeigen. Nicht sagen, was ich nicht darf, sondern was ich darf. Wichtig ist, Dinge positiv zu formulieren und keine Schuldfrage stellen.