Auf den Lehm gekommen

Erstellt am 11. März 2022 | 03:36
Lesezeit: 3 Min
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Roland Meingast vor 250 Jahre alten Lehmziegeln, die in neuem Umfeld wiederverwendet wurden. 
Foto: Gaby Schätzle
Es ist ein Baustoff fast so alt wie die Menschheit, unverwüstlich, wiederverwendbar und in schier endlosen Mengen vorhanden: der Lehm.

Schon die alten Ägypter verwendeten vor 5.000 Jahren Lehmziegel, in China und Südamerika reicht diese Tradition 1.300 bis 1.400 Jahre zurück, in nahezu der ganzen Welt nutzen Menschen seit vielen hundert Jahren den Rohstoff Lehm.

Auch in Europa können wir auf eine rund 7.000 Jahre lange Verwendung dieses Materials, vielfach in Kombination mit Holz und Stroh, zurückblicken. In der jüngeren Geschichte taucht es bei Fachwerkhäusern, bäuerlichen Gehöften oder traditionellen Kellergassen auf.

Und dieser Tage, in der Zeit des wachsenden Umweltbewusstseins und der schwindenden Ressourcen, erlebt diese uralte Baumethode eine Wiedergeburt.
Roland Meingast ist schon in den 80er Jahren „auf den Lehm gekommen“: „Ich hatte schon damals eine sehr kritische Einstellung zur technischen Entwicklung unserer Zivilisation und suchte nach Alternativen. Dieser Baustoff ist das Nonplusultra der Nachhaltigkeit, und ich habe begonnen, mich intensiv damit zu befassen.“
Heute ist Meingast stellvertretender Vorsitzender von „Netzwerk Lehm“, Vortragender und Projektleiter auf der TU und der Boku, Buchautor, tätig im Museumsdorf Niedersulz und in der Firma Lopas mit dem Bereich Forschung und Entwicklung betraut.

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Moderne Bauelemente bewahren altes Wissen.
Foto: Gaby Schätzle

Im Netzwerk Lehm haben sich vor rund fünf Jahren Architekten, Handwerker, Firmen und Studenten zusammengeschlossen und zur Aufgabe gemacht, den Lehmbau in Österreich zu propagieren und diesbezüglich internationale Kontakte zu pflegen. „Vor dem Hintergrund der immer stärker geführten Klimadiskussion verzeichnen wir eine steigende Nachfrage“, analysiert Meingast, „immerhin ist Lehm, auch in Verbindung mit Holz, die einzige Technik, mit der man für die gesamte Weltbevölkerung menschenwürdiges Wohnen garantieren könnte: Lehm kommt quasi überall vor, und früher hatte ja auch fast jedes Dorf eine eigene Lehmgrube.“

Im modernen Hausbau gewinnt dieser Rohstoff zunehmend an Bedeutung. Die Vorteile liegen auf der Hand: Dieses Naturmaterial hat hervorragende Eigenschaften in Sachen Raumklima, Feuchtigkeitsregulierung, Wärmeleitung und Temperaturausgleich. Seit zwölf Jahren stellt die Firma Lopas aus Tattendorf Holz-Lehm-Stroh-Fertigteile für den modernen, ökologischen Hausbau her.

Da Lehm in ausreichenden Mengen vorhanden ist und auch z. B. bereits mehrere hundert Jahre alte Lehmputze wiederverwendet werden können, ist Preisstabilität ein weiterer Vorteil dieses Baustoffes.

Sein hauptsächliches Einsatzgebiet ist der Innenputz. Meingast über die Verwendung: „Wir bieten maschinengängige Fertigmischungen zu erschwinglichen Preisen an.“ Dabei genügt es, zur Verbesserung des Raumklimas eine zirka zwei Zentimeter dicke Schicht aufzutragen, dies ist auf nahezu jedem Untergrund und bei allen Innenoberflächen im Haus möglich. „Das Material ist auch mit modernen Niedertemperaturheizungen kombinierbar“, erläutert der Fachmann, „und auch eine Wandheizung unter diesem Putz ist kein Problem, sie wirkt wärmeabstrahlend.“

Doch Lehm hat nicht nur funktionale Vorteile. Mit ihm können auch künstlerische Elemente in den Innenausbau integriert werden. Und so schließt sich mit diesem bemerkenswerten Material bautechnisch, ökologisch und vielleicht auch künstlerisch der Kreis zwischen Vergangenheit und Zukunft.

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