Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – Wildverbiss

Erstellt am 04. Oktober 2022 | 06:00
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Wildverbiss Symbolbild
Symbolbild
Foto: Lukeneder
Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie man abschätzen kann, wieviel Wild in unseren Wäldern überhaupt lebt? Was ist Wildverbiss und welche Folgen hat dieser? Wissenschaftler Alexander Lukeneder liefert eine Erklärung…

Nun wissen nicht nur wir Menschen junges Obst oder Gemüse zu schätzen, auch unsere Wildtiere laben sich an den frischen, besten Trieben unseres Waldes. Zu jungen Salatpflanzen sagen Rehe ebenfalls nicht nein. Ich habe selbst beobachtet, wie eine Rehmutter ihre jungen Bambies täglich in einen Garten unserer Siedlung geführt hat. Wenn die Besitzer des Gartens allmorgendlich aufstanden, waren die Rehe schon lange über alle Berge, oder vielmehr über alle Zäune. Ich konnte es mit meinen eigenen Augen sehen, sonst hätte ich es nicht für möglich gehalten: Die Rehmutter ist einfach über den Zaun gesprungen, wohingegen sich die Kleinen am Maschendrahtzaun vorbeigezwängt haben. Für mich war das ein lustiges Schauspiel beim Gassigehen mit unserem Hund, für die geschädigten Hobby-Gemüsegärtner zweifellos ein Ärgernis.

Grundsätzlich unterscheidet man Verbiss-, Fege- und Schälschäden mit den unterschiedlichen Auswirkungen auf die Waldvegetation. Verantwortlich dafür ist in unseren Breiten das sogenannte Schalenwild (Schale = horniger Huf) wie zum Beispiel Rotwild, Rehwild und Gamswild. Es mag sein, dass Ihnen schon das eine oder andere Mal Spuren dieser genannten Schadensbilder aufgefallen sind – aber wohl eben ohne zu wissen, was das im Detail ist, oder auch einfach nur, weil man so etwas auch leicht übersehen kann. Dass sich im Wald oder an Lichtungen etwas tut, bemerkt man meist erst, wen der Mensch – sprich der Förster oder der Jäger – etwas dagegen unternimmt, sei es durch Kalkung der jungen Baumspitzen, durch das Einzäunen von Kontrollbereichen oder durch gezielten Abschuss bei zu viel Wild auf den entsprechenden Flächen.

Verbissschäden zeichnen sich durch das Abäsen der grünen, saftigen Jungtriebe der jungen Bäume aus, meist sind hier die Leittriebe – also die Wipfeltriebe – betroffen. Dabei wäre genau dieser Leittrieb wesentlich für ein normales Höhenwachstum der gesunden Bäume. Die betroffenen Jungbäume, wie zum Beispiel Fichten, aber auch Buchen, zeigen dann zumeist krummen Wuchs, um die Fehlstellen zu umwachsen oder den Verbiss auszugleichen. Eine anfängliche Deformation der Pflanze kann durch mehrmaligen Verbiss bis zum kompletten Absterben der Pflanze führen.

Bei Fegeschäden handelt sich um durch Wild verursachte Schäden am Stamm von Jungbäumen bis zu 3 Metern Höhe. Fegeschäden entstehen, wenn sich Hirsche oder Rehböcke mit ihrem Geweih an den dünnen Stämmen reiben. Sie trachten danach, sich den juckenden Bast (Nährhaut) vom Geweih zu reiben, und legen dabei den Holzkörper frei, da die Rinde abgerieben wird. Dies führt – je nach Umfang des Rindenverlustes – in den meisten Fällen zum Absterben der geschädigten Pflanze. Unterschiedliche Tiere entscheiden sich im Übrigen je nach ihrer Größe für unterschiedliche Bäumchen: Rehböcke bevorzugen kleinere Bäume mit 1-2 Metern Höhe, Hirsche beginnen erst ab dieser Größe, sich an Stämmen zu reiben. Dabei trifft das männliche Wild seine Entscheidung je nach Elastizität und Widerstand der jeweiligen Reibestämme.

Schäden durch das Schälen der Rinde wiederum sind typische Fressschäden, bei welchen die Rinde vom Baum abgeäst wird: entweder abgenagt oder in ganzen Streifen abgezogen. Das ist abhängig von der Jahreszeit – im Winter werden kleine Stücke gefressen und im Sommer größere Teile der Rinde, je nachdem, wie der jeweilige Baum im Saft steht. Sind nur kleinere Bereiche betroffen, kann der Baum das überleben. Bei größeren Schäl-Flächen oder gar Rindenverlust rund um den Stamm kommt es aber zum Absterben des Baumes, weil der Saftfluss unterbrochen ist. Die geschälten Stellen bieten zudem Schädlingen und Pilzen einen Angriffspunkt und schädigen den betroffenen Baum damit noch weiter.

Je nach Beliebtheit beim Wild unterteilt man die Baumarten in verschiedene Kategorien: von sehr beliebt (1) bis nicht beliebt (4). Sehr beliebt bei Schalenwild, also Topfavoriten für Verbiss, sind Nadelbäume wie die Lärche (Larix decidua) und Laubbäume wie Grauerle (Alnus incana) und Schwarzerle (Alnus glutinosa), in der Verbiss-Beliebtheit gefolgt von Fichte (Picea abies), Rotkiefer (Pinus sylvestris) und Schwarzkiefer (Pinus nigra). Für das Fegen stehen beim Wild hingegen Laubbäume wie Rotbuche (Fagus sylvatica), Grauerle und Schwarzerle hoch im Kurs. Geschält wird bevorzugt an Baumarten mit dünner Rinde: an Erlen, Birken und Eichen sowie an Nadelgehölzen wie jungen Lärchen und Kiefern.

Kontrollfläche oder „Weiserfläche“

Zum direkten Nachweis, welches Wildtier unmittelbar der Verbeisser, Feger oder Schäler ist, bieten sich moderne Wildkameras an. Ich selbst habe damit in meinem Garten schon nach manch tierischem Übeltäter im Gemüsebeet gefahndet – meist waren es Marder. Zur objektiven Beurteilung der Situation kommen umzäunte Kontrollflächen zum Einsatz. Ich selbst habe auf meinen Wanderungen – seien sie beruflicher oder privater Natur – schon oft solche kleinen, meist 6 mal 6 Meter großen Areale gesehen und über ihren Sinn und Zweck gerätselt. Ein befreundeter Sammler mit Jäger-Background hat mir dann den Ausdruck „Weiserfläche“ genannt. Diese Flächen weisen sozusagen auf den Wildbestand und dessen Auswirkungen auf unberührte Waldflächen hin.

Richtig gemacht, errichtet man 2 exakt gleiche Flächen im Abstand von 5 bis 20 Metern, eine Fläche eingezäunt, die zweite nur mit Holzpflöcken an den Ecken markiert. Das System dabei ist gleichzeitig simpel wie genial: Über eine bestimmten Kontrollzeitraum lässt sich im direkten Vergleich beobachten, wie sich im jeweiligen Wald die Vegetation mit und ohne Wild – also mit und ohne Verbiss – entwickelt. Dabei kann man vielerlei Erkenntnisse gewinnen, die gar nicht immer nur etwas Negatives aufzeigen müssen. Immerhin gibt es genug Beispiele, wo kein gravierender Unterschied der beiden Kontrollflächen festzustellen ist, der Jungwald in beiden Flächen ähnlich gedeiht und kein wesentlicher Wildeinfluss zu sehen ist.

Besteht ein sogenannter dosierter selektiver Verbiss, sprich nur an einigen Baumarten, kann das in bestimmten Gebieten helfen, die Baumvielfalt zu erhöhen. In anderen Fällen wiederum kann es beispielsweise durch erhöhten Verbiss an Laubäumen zur Bildung von Fichten-Monokulturen kommen. Bei Totalverbiss ist die nicht eingezäunte Fläche nahezu pflanzenfrei, wohingegen innerhalb des Schutzzaunes der Jungwald prächtig gedeiht.

Es gibt Fälle, bei welchen der Verbiss im eingezäunten Bereich fehlt und dadurch eine verstärkte Verfilzung, zum Beispiel durch Brombeeren, stattfindet, was wiederum die Waldverjüngung unterbindet. Sie sehen also, die Geschichte unseres Waldes ist sehr komplex, interessant und wirklich sehr wichtig für unser weiteres Leben. Wald und Wild gehören für mich seit meiner Kindheit einfach untrennbar zusammen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß im Wald und beim Beobachten unserer Wildtiere. Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie neugierig.

WebTipp

https://www.bundesforste.at/

https://www.noejagdverband.at/wild-und-lebensraeume/wildarten/