Ein Fertighaus als Niedrigstenergiehaus. Dass ab 1. Jänner 2021 nur noch Niedrigstenergiehäuser gebaut werden dürfen, macht der Fertighausbranche keine Sorgen. Ein gewisses Unbehagen gibt es trotzdem: Man befürchtet einmal mehr, dass es keine österreichweit einheitliche Richtlinie und damit ein Chaos rund um die EU-Verordnung geben wird.

Erstellt am 26. November 2017 (05:33)
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Die Fertighaushersteller sehen der kommenden EU-Verordnung relativ gelassen entgegen.
ELK

Seit Jahren geistert in der Baubranche die EU-Richtlinie 2010/31/EU herum. Dahinter verbirgt sich ein Standard für ein sogenanntes „Nearly Zero Energy Building“. 

Genau diesen Standard des „Niedrigstenergiehauses“ müssen ab 2021 alle Neubauten  im EU-Raum erfüllen. „Kein Problem“, heißt es seit Jahren von Seiten der Fertighausindustrie. 

Christian Murhammer zur Problematik

Diesen Standard würde man großteils schon lange erreichen. Dass man knapp zwei Jahre vor Inkrafttreten der Richtlinie Unklarheiten und Missverständnisse befürchtet,  liegt auch nicht daran, dass man derartige Häuser nicht bauen könnte.

„Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass jedes Bundesland eine eigene Definition für ein Fast-Null-Energie-Haus hat. Im schlimmsten Fall könnte es pro Bundesland sogar zwei Regelungen geben: eine baurechtliche und eine für die Wohnbauförderung“, formuliert Christian Murhammer, Geschäftsführer des Österreichischen Fertighausverbandes, die Problematik vorsichtig.

9 Länder, 9 Bauvorschriften 

Das Baurecht ist Ländersache, und damit kommt es seit Jahren immer wieder zu einem seltsam anmutenden Vorgang: Wenn es um die Harmonisierung neuer Richtlinien geht, gibt es – auf Beamtenebene – ein Treffen von Vertretern aller Bundesländer.

Dabei kommt am Ende eine durchaus einheitliche Richtlinie des Österreichischen Instituts für Bautechnik (OIB) heraus. So weit, so gut.  Allerdings sind diese Richtlinien für die Länder nicht mehr als ein Grundsatzpapier, das entweder unverändert zu Landesrecht werden kann – oder aber mit kleineren Abweichungen oder gar größeren Änderungen.

Verantwortlich dafür sind nicht mehr die Beamten der Verwaltung, sondern die Politiker in den Landtagen. Auch der Zeitpunkt, wann die Länder die OIBRichtlinien
umsetzen, bleibt ihnen überlassen. Manche tun dies früher, andere später.

Keine österreichweit einheitliche Definition

„Aus den Erfahrungen der Vergangenheit ist daher zu befürchten, dass es trotz eines Nationalen Planes des OIB ab 2021 keine österreichweit einheitliche Definition für das Niedrigstenergiehaus geben könnte. Im schlimmsten Fall sind es neun unterschiedliche“, sagt Murhammer. 

Für die Unternehmen kann eine solche Situation bedeuten: Ein Haus, das in  Niederösterreich als Niedrigstenergiehaus verkauft werden darf, entspricht in Salzburg nicht den dortigen Anforderungen. 

Gerade Abweichungen im Detail machen die Sache mitunter besonders schwierig: Es ist enorm zeitaufwendig, hier den Überblick zu behalten. Und genau das widerspricht dem Kerngedanken des Fertigbaus, wonach Planung und Produktion so effizient wie nur möglich ablaufen sollten. 

80% schon jetzt EU-reif Rein technisch verursacht die anstehende Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie den Fertighausunternehmen nach wie vor keine Kopfschmerzen.

Allgemeine Vorgaben der EU

Die Vorgaben der Europäischen Union sind bewusst sehr allgemein gehalten, die Konkretisierung bei der Umsetzung ist Aufgabe der einzelnen Staaten. In Österreich gibt es seit 2014 einen „Nationalen Plan“, der eine schrittweise Annäherung an die geforderten EU-Standards definiert. 

Vereinfacht ausgedrückt besagt der Plan, dass der Status eines Niedrigstenergiehauses 
 dann erreicht ist, wenn der errechnete Heizwärmebedarf des Hauses aufgrund  hervorragender Dämmung etc. bei maximal 34 kWh/m2a liegt, hier reicht eine „normale“ Haustechnik. Liegt der Heizwärmebedarf bei maximal 54 kWh/m2a, dann bedarf es hingegen zum Ausgleich einer sehr guten Haustechnik.

Zum größten Teil erfüllen die Fertighäuser diese Vorgaben schon heute. Murhammer:  „Eine Befragung unserer Mitgliedsfirmen hat gezeigt, dass im Vorjahr 96 Prozent der  Fertighäuser Niedrigenergiehäuser waren. Wir schätzen, dass 70 bis 80 Prozent bereits den Anforderungen des Nationalen Planes für ein Niedrigstenergiehaus entsprechen.“

Dass man auch die restlichen 20% auf „EU-Standard“ bringen wird, bezweifelt Christian Murhammer nicht, zumal gerade bei der Haustechnik noch nicht das gänzlich mögliche Potenzial ausgeschöpft ist.