Rosa Franz und ihre Liebe zur Stickkunst. Rosa Franz musste die Liebe zur Handwerkskunst erst finden um sie in ihren Bildern erzählen zu können. Über eine Frau, die alles einmal macht – und immer anders.

Von Vanessa Bruckner. Erstellt am 30. Mai 2020 (05:19)
Rosa Franz mit einem ihrer Kunstwerke aus Stoff und Garn. Einen Winter lang arbeitet sie an solch einer Stickerei.
Vanessa

An ihrem Hochzeitstag kam sie zum allerersten Mal nach Güssing — ihrer Heimat seit 55 Jahren. Und als sie sich in der Schule zum allerersten Mal im Sticken im Handarbeitsunterricht übte „habe ich es gehasst“, gesteht Rosa Franz lachend. Jahrzehnte später fällt ihr das „Güssinger Tuch“, wie Frau Franz das Stickmustertuch, mit dem dann alles anders wurde, nennt, in die Hand. „Damit begann meine Leidenschaft für die Handarbeit, speziell für das in der Schulzeit so verhasste Sticken.“

In jahrelangem, teils akribischem Selbststudium erlernt die heute 76-Jährige Handwerkerin die Volkskunst des Stickens mit Hilfe von alten Büchern ihrer Mutter, Tante, Taufpatin aber auch vom Flohmarkt. Gekaufte Muster als Vorlage verwendet Rosa Franz nicht, sie entwirft alle ihre Tücher selbst.

Versteckte Botschaften in den Stickereien

„Ich muss nicht kochen oder putzen, ich kann meine Träume mit Nadel und Garn ausleben, festhalten, und wenn es mir doch nicht gefällt, dann trenne ich alles auf und beginne von vorne.“

„Die Tücher, die mir als Inspiration dienten, sind wirklich alt. Das Älteste wurde um 1800 gefertigt. Ich habe mich dann hingesetzt und darüber nachgedacht, wie eine Frau zum Beispiel im Jahr 1877 die Idee, die ich im Kopf hatte, umgesetzt hätte. Man muss nämlich wissen, dass Sticktücher früher eine wichtige Form von Kommunikation für Frauen war. In ihren Stickereien drückten sie sich künstlerisch aus, ließen beispielsweise den Angebeteten wissen, dass sie ihn lieben. Papier war teuer, aber ein Stück Stoff hat fast jeder gehabt“, weiß die gebürtige Linzerin. Was sie allerdings nicht weiß: wie viele Stunden sie im Laufe ihres Lebens mit Nadel und Garn in der Hand verbracht hat. „Ich habe knapp 30 fertige Tücher und an einem arbeite ich einen ganzen Winter lang. Was ich also sagen kann ist, dass ich die langen Winterabende drei Jahrzehnte lang kreativ genützt habe“, schmunzelt Rosa Franz, die übrigens auch eine erfolgreiche Glasmalerin ist.

Fundiertes Wissen. Jahrzehntelang sammelte die Güssingerin altes Wissen über die Stickkunst. Ihre Vorlagen für Tücher entwarf sie aber alle selbst.
BVZ

Ihr Wissen gab die Güssingerin in Kursen auch an andere Frauen weiter. „Fürs Sticken braucht man Zeit, die heute viele nicht mehr haben. Umso schöner, dass es noch Frauen gibt, die trotzdem wieder sticken, wenn auch meist viel gröber und schneller als unsere Urgroßmütter damals.“ Es sei vor allem die Geselligkeit, weshalb die Handarbeitskurse von Frau Franz immer gut besucht waren. „Sticken ist heute mehr denn je eine Form der Entschleunigung. Ich muss nicht kochen oder putzen, ich kann meine Träume mit Nadel und Garn ausleben, festhalten, und wenn es mir doch nicht gefällt, dann trenne ich alles auf und beginne von vorne.“

Glasmalerin, Handwerkskünstlerin, Ehefrau, Mutter dreier Kinder und für die Enkelkinder ist die Oma „bestimmt sechsmal um die Erde gefahren.“ Woher Rosa Franz die Zeit und vor allem die Energie nahm, um neben all ihren Verpflichtungen und künstlerischem Schaffen auch noch eine große Ausstellung zum Thema Handarbeit auf der Burg Güssing zu organisieren und im Museum für angewandte Kunst bei eben solchen mitzuarbeiten, bleibt ein Rätsel ihres Zeitmanagements. „Knapp 30.000 Besucher kamen allein zu meinen Ausstellungen auf die Burg“, so Franz stolz. Bleibt denn da überhaupt noch Zeit für etwas anderes - und zum Träumen? „Natürlich! Die Idee für ein kleines Museum über die Handwerkskunst im Südburgenland ist da noch in meinem Kopf.“ Jede Wette, dass Frau Franz auch dieses Kunstwerk noch vollbringt.