Hermann Nitschs "6-Tage-Spiel": Postumes Hochamt in Prinzendorf

Aktualisiert am 30. Juli 2022 | 20:20
Lesezeit: 5 Min
Drei Monate nach dem Tod von Hermann Nitsch feiern seine Anhängerinnen und Anhänger am Wochenende ein Hochamt in Prinzendorf: 24 Jahre nach der Premiere kommt das "6-Tage-Spiel" erneut zur etappenweise Aufführung.

Abgesehen vom Fokus auf Musik bleibt auch die Zweitfassung mit ihrem Performancereigen der Nitsch'schen Tradition treu. Verändert hat sich jedoch der Zeitgeist: Was vor zwei Jahrzehnten noch für einen Skandal sorgte, zählt nun zum Kanon der Nachkriegskunst.

Demonstrationen von Tierschützern, eine Weisung eines FPÖ-Landesrats auf sofortige Einstellung, Festnahmen nach dem Ausländerbeschäftigungsgesetz: Als Hermann Nitsch, damals schon einer der Altmeister des Wiener Aktionismus, das "6-Tage-Spiel" 1998 auf seinem Schloss Prinzendorf in Niederösterreich inszenierte, war einer der größten Kunsteklats der späten Neunziger die Konsequenz.

2022 gehören derartige Reaktionen - zumindest in Österreich - der Vergangenheit an. Von einem Großaufgebot der Polizei war am Samstag auf Schloss Prinzendorf nichts zu sehen und einige private Security-Männer waren ausschließlich damit beschäftigt, unautorisiertes Fotografieren von Nitsch-Fans im Innenhof zu verhindern. Proteste erklangen lediglich aus dem Stall des Anwesens selbst: Ohne, dass dies in der Partitur vorgesehen gewesen wäre, erhob ein Hahn wiederholt und lautstark seine Stimme.

Der Aktionist selbst fehlte freilich in diesem Setting, sein Pflegesohn Leonhard Kopp sowie sein langjähriger Assistent Frank Gassner hatten jene schrillen Pfeifen für Regieanweisungen übernommen: Der Ex-Assistent kümmerte sich um Märsche im Innenhof von Nitschs Barockschloss, einer einzigartigen Kulisse für dieses Gesamtkunstwerk, der Sohn war für Handlungen an Menschen und geschlachteten Schweinen an Kreuzen verantwortlich. "Mein Vater hat gesagt, dass ich den Aktionismus in seinem Sinn weiterführen werde. Und das versuche ich heute das erste Mal - post mortem", sagte Kopp am Samstagnachmittag der APA. Bisher habe man das ganz gut hinbekommen, resümierte er.

Zentral - und wichtiger als 1998 - ist indes die Tonspur: Ein Orchester unter der Leitung des Dirigenten Andrea Cusumano verwandelte Kompositionen des Künstlers in wunderbare Klangteppiche, die gerade auch Schlüsselszenen der Performances hervorhoben. Gerade in diesen emotionsstarken Momenten, in denen Akteure schwer exaltiert Innereien an Schweinskadavern rieben oder gekreuzigte Personen mit Blut oder Wein beschütteten, zeigte sich am Samstag die bleibende Qualität von Nitschs "Orgien-Mysterien-Theater". An diesen Höhepunkten spielten alle Musikerinnen und Musiker laut nahe beinanderliegende Töne, sogenannte Cluster, und begann lautes Glockengeläute - sichtlich ein Hinweis auf Nitschs katholische Sozialisierung.

Die Akteure, deren weiße Kleidung durch massenhaft verschüttetes Blut sich zunehmend rot färbte, begaben sich am Nachmittag aber auch auf Prozessionen. Unweit der letzten Ruhestätte des kürzlich hier begrabenen Künstlers zogen sie dabei durch den Schlosspark und zu Weinkellern in der Nachbarschaft - die seit 1996 für Nitsch immer wieder spielende tschechische Blasmusikkapelle "Venkovanka" verlieh diesem Part nahezu Volksfestcharakter. Die Stimmung des Publikums verbesserte sich dabei nicht nur durch den obligatorischen Weingenuss. Der starke Regen, der den Vormittag geprägt hatte, klang am frühen Nachmittag ab.

Die Nachmittags- und frühen Abendstunden gestalteten sich schließlich auch dynamischer als der Vormittag - zum Einsatz kamen dabei auch neue Elemente: Vor einem Kreuz posierten Frauen mit leerer Monstranz, in überdimensionalen Holzwannen zertrampelten Akteuren voller Begeisterung Tomaten, in einer abschließenden orgiastischen Szenen kurz vor Sonnenuntergang formierten Akteure einen Haufen von Leibern, der aus dem zweiten Stock des Schlosses mit Gedärmen beworfen und kübelweise mit Blut beschüttet wurde. Schließlich brach die versammelte Nitsch-Festgemeinde in einer Prozession zur Mühle des Nachbardorfs Rannersdorf an der Zaya auf. Dies war der letzte größere Programmpunkt von Tag 1.

Zuvor hatten am Nachmittag aber auch noch zwei Veteranen bis fast zur Erschöpfung Tomaten, Trauben und Blut vermischt: "Ich mache seit 1974 mit, seit ich Nitsch in einer Galerie in Neapel getroffen habe", erläuterte die gebürtige Kroatin Jasmin Baa. Ihr Partner in dieser Episode, der italienische Künstler Giuseppe Zevola, erklärte der APA, dass er seit einer Ausstellung in Florenz 1976 in Performances seines österreichischen Kollegen aufgetreten sei.

Dominierend am Samstag waren dabei freilich Akteure einer deutlich jüngeren Generation. Es sei "wahnsinnig geil", kommentierte die österreichische Künstlerin Pia Kober. "Man vergisst alles rund herum und ist nur in diesem Tun drinnen", sagte Kober, die die Meisterklasse von Nitsch an der Akademie der Bildenden Künste Kolbermoor absolvierte. Es sei eine große Ehre, dass sie beim "6-Tage-Spiel" mitmachen dürfe.