Künstlerischer Leiter Kuhn stellt Funktion ruhend

Erstellt am 31. Juli 2018 | 16:17
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Fünf Künstlerinnen erhoben schwere Vorwürfe gegen Gustav Kuhn
Fünf Künstlerinnen erhoben schwere Vorwürfe gegen Gustav Kuhn
Foto: APA (Archiv)
Die Ära Kuhn in Erl ist zu Ende - zumindest vorerst: Der wegen Vorwürfen sexueller Übergriffe schwer in Bedrängnis geratene "Maestro" Gustav Kuhn stellt seine Funktion als künstlerischer Leiter der Festspiele bis zur vollständigen Klärung mit sofortiger Wirkung ruhend. Er wolle damit weiteren Schaden von den Festspielen abwenden, teilten die Verantwortlichen der APA mit.

Kuhn weise die von fünf Künstlerinnen in einem offenen Brief geäußerten Vorwürfe weiterhin zurück, hieß es nach einer Sitzung des Stiftungsvorstandes in Wien. Der Vorstand habe die Entscheidung Kuhns begrüßt, hieß es. Mit der interimistischen Leitung werde sein bisheriger Stellvertreter Andreas Leisner betraut. Die Vorwürfe würden jedenfalls ernst genommen, und jedem einzelnen davon werde entsprechend nachzugehen sein, wurde versichert.

Die Verantwortlichen von Bundes- als auch von Landesseite begrüßten am Dienstag die Entscheidung. Aus dem Büro von Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) hieß es, dass die Entscheidung "notwendig und alternativlos" gewesen sei. Um die Festspiele Erl zu schützen und nicht weiter zu beschädigen, brauche es eine "rasche und umfassende Aufklärung". "Das Land Tirol nimmt die Vorwürfe sehr ernst und wird die restlose Aufklärung bestmöglich unterstützen", erklärte Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP), die die Entscheidung Kuhns ebenfalls begrüßt.

"Positiv" bewerteten auch die Tiroler Grünen, die bereits vergangene Woche eine vorläufige Suspendierung Kuhns verlangt hatten, den freiwilligen Rückzug. "Die von den fünf Musikerinnen detailliert beschriebenen Vorwürfe der sexuellen Belästigung wiegen schwer. Alles andere als ein Ruhendstellung wäre ein fatales Signal gewesen", argumentierte Kultursprecher, LAbg. Georg Kaltschmid. Jetzt stünden nicht mehr die Festspiele, sondern die rechtliche Aufklärung im Rampenlicht.

Ähnlich auch SPÖ-Kultursprecherin, Abg. Selma Yildirim, die den Rückzug als "wichtigen, aber nur ersten Schritt" bezeichnete: "Jetzt braucht es eine schonungslose Aufklärung der schwerwiegenden Vorwürfe wegen sexueller Belästigung und Machtmissbrauch." Yildirim forderte die Festspiele und den Stiftungsrat auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen.

Eine mögliche Rückkehr von Kuhn in seine Funktion hängt nicht nur von den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, sondern auch von der Gleichbehandlungskommission im Bundeskanzleramt ab, die die Geschäftsführung der Festspiele nun anrufen werde, machte Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner im APA-Gespräch klar.

"Diese Kommission wird dann ein Gutachten erstellen. Und nur wenn diese darin zu dem Schluss kommt, dass die Vorwürfe zu Unrecht bestehen oder nicht ausreichend begründbar sind, kann Kuhn zurückkehren", erklärte Haselsteiner. Parallel dürfte es natürlich auch zu keiner strafrechtlichen Anklage kommen bzw. müssten die Ermittlungen eingestellt werden.

Da vor der Gleichbehandlungskommission die Beweislastumkehr gelte - also Kuhn muss dabei den Diskriminierungstatbestand glaubhaft machen - stelle dies für den "Maestro", so Haselsteiner, eine "große Erschwernis" dar. "Kuhn muss beweisen, dass er unschuldig ist", so der Industrielle.

Der Vertrag Kuhns laufe noch bis 2020. Dass die Festspiele ohnedies heuer - auch ohne die gesamte Causa - einen Nachfolger für die Zeit danach präsentieren würden, bestätigte Haselsteiner. Es gebe nach wie vor die "Hoffnung", dass Kuhn die letzte oder sogar zwei Saisonen lang noch künstlerischer Hauptverantwortlicher in Erl sein könne. Dazu müssten sich die Vorwürfe aber als "nicht haltbar" herausstellen, betonte der Festspielpräsident.

Der Maestro habe mit seiner Entscheidung jene des dreiköpfigen Stiftungsvorstandes vorweggenommen, so Haselsteiner. "Es gab im Vorstand keine divergierenden Meinungen", sagte der Industrielle und Erl-Mäzen. Bei den Vorständen habe jedenfalls "großes Bedauern" und auch "große Ohnmacht" angesichts der ganzen Causa und der jetzigen Entwicklung geherrscht.

Es gelte die Unschuldvermutung für Kuhn, meinte Haselsteiner wiederholt. Um hinzuzufügen: "Bedauerlicherweis muss man offenbar den Unschuldnachweis erbringen. Aber das ist nun einmal so in unserer Mediengesellschaft". Der ehemalige Liberales Forum-Politiker ortete zwar einen "Image- und Prestigeverlust" für die Festspiele, aber der Schaden sei "noch nicht allzu groß". Hätte Kuhn aber diesen Schritt jetzt nicht gesetzt, wäre der Schaden angewachsen. "Wir wollen keinen Machtmissbrauch und keine sexuelle Nötigung", stellte Haselsteiner klar.