Toronto Raptors schrieben mit erstem Titel Geschichte. Die Toronto Raptors haben sich am Donnerstagabend (Ortszeit) als erster kanadischer Club zum Champion der National Basketball Association (NBA) gekrönt. Mit einem 114:110-(60:57)-Sieg in Oakland beim Titelverteidiger Golden State Warriors entschied das Team von Trainer Nick Nurse die "best of seven"-Finalserie mit 4:2 für sich. Damit endete nach 72 Jahren die Dominanz der US-Clubs in der NBA.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 14. Juni 2019 (06:55)
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Der Traum ist wahr geworden

2:22 Minuten vor Ende des dritten Viertels kam es zur entscheidenden Szene im sechsten Endspiel: Bei einem Foul von Danny Green erlitt Warriors-Scharfschütze Klay Thompson, der mit 30 Punkten Topscorer der Partie war, eine Verletzung am linken Knie. Deshalb musste nach Kevin Durant, der sich zuletzt am Montag beim 106:105-Auswärtssieg in Toronto einen Achillessehnenriss zugezogen hatte, der nächste All-Star von Golden State die Halle auf Krücken verlassen.

Die Raptors nutzten diesmal diesen personellen Vorteil und gewannen somit auch das vierte Saisonmatch in der Oracle Arena, die zum allerletzten Mal Schauplatz eines Warriors-Heimspiels war. Golden-State-Kapitän Stephen Curry (21 Punkte) und Draymond Green, der mit elf Zählern, 19 Rebounds und 13 Assists sein bereits sechstes Triple-Double in den Play-offs 2019 verbuchte und den 52 Jahre alten Postseason-Rekord von NBA-Legende Wilt Chamberlain um nur eines verpasste, mussten am Ende den Gästen gratulieren.

Angeführt wurden die Raptors am Donnerstag zwar von Routinier Kyle Lowry und Pascal Siakam mit je 26 Zählern, doch den Premierentitel hatten sie in erster Linie Kawhi Leonard (22) zu verdanken. Mit insgesamt 732 Punkten sorgte der 27-Jährige für die drittbeste Postseason-Ausbeute der NBA-Geschichte. Nur die Allzeit-Größen Michael Jordan (Chicago Bulls/759 im Jahr 1992) und LeBron James (Cleveland Cavaliers/748 im Vorjahr) schafften noch mehr.

Deshalb wurde "The Klaw" (die Klaue), so der Spitzname von Leonard aufgrund seiner riesigen Hände, zum zweiten Mal nach 2014 als wertvollster Spieler (MVP) der Finalserie ausgezeichnet. Vor fünf Jahren hatte der Zwei-Meter-Mann mit den San Antonio Spurs den dritten Titel en suite der von LeBron James angeführten Miami Heat verhindert. Diesmal machte er den Warriors einen Strich durch die "three-peat"-Rechnung.

"Ich spiele nicht 'Hero-Basketball' oder für Fans. Ich spiele, um zu gewinnen, nicht um irgendwelche Rekorde zu brechen. Solange ich meinem Team zum Sieg verhelfe, bin ich zufrieden", lautet das Credo von Leonard, der nicht nur in TV-Interviews stets stoisch und nüchtern rüberkommt. Auch auf dem Parkett erledigt der wohl bescheidenste NBA-Ausnahmekönner seinen Job in der Regel völlig emotionslos.

Leonard war erst im vergangenen Sommer im Zuge eines Tauschgeschäfts, bei dem neben Torontos All-Star und Publikumsliebling DeMar DeRozan auch Österreichs NBA-Pionier Jakob Pöltl an die Spurs abgegeben worden war, in die kanadische Metropole gewechselt. Damit gingen die Raptors ein hohes Risiko ein, da der Small Forward in der Saison 2017/18 wegen einer langwierigen Quadrizepsverletzung lediglich neun Spiele für San Antonio bestritten hatte.

Aus diesem Grund absolvierte Leonard für Toronto nur 60 der 82 Matches im Grunddurchgang, um durch dieses "Load Management" möglichst fit in die entscheidende Phase des Titelkampfs gehen zu können. "Das war enorm wichtig. Hätten wir das nicht gemacht, dann wäre ich jetzt nicht hier (im Finale, Anm.)", betonte der beste NBA-Defensivspieler der Saisonen 2014/15 und 2015/16 jüngst in einem ESPN-Interview.

Denn in allen wichtigen Play-off-Partien war Leonard die "Lebensversicherung" der Raptors: Nach seinem historischen "Buzzer Beater" im siebenten Match der zweiten Play-off-Runde gegen die Philadelphia 76ers entschärfte er mit seiner starken Verteidigung in der Eastern-Conference-Finalserie auch Milwaukee-Bucks-Topstar Giannis Antetokounmpo. Und zu guter Letzt zerstörte "The Klaw" nun noch die Träume der favorisierten Warriors vom vierten Titel in fünf Jahren.

Im Gegensatz zum kanadischen Finaldebütanten musste Golden State in zehn der letzten elf Play-off-Partien ohne seinen Topstar auskommen: Durant, der in den vergangenen beiden Jahren als "MVP" der NBA Finals ausgezeichnet worden war, fehlte dem Team aus Oakland zunächst neun Spiele wegen einer Wadenzerrung, die er sich am 8. Mai zugezogen hatte. Sein Comeback am Montag dauerte dann nicht einmal zwölf Minuten.

Außerdem schlugen sich auch noch die "Splash Brothers" Curry (ausgerenkter Mittelfinger) und Thompson (Knöchel-, Oberschenkel- und nun Knieblessur) sowie "Big Man" Kevon Looney (Rippenknorpelfraktur) in der Postseason mit diversen Verletzungen herum. Center DeMarcus Cousins (Quadrizepsmuskelriss) wurde zwar rechtzeitig zum ersten Endspiel wieder fit, war aber weit von seiner Topform entfernt.

Dieses Verletzungspech war auch dem fünften Finaleinzug en suite geschuldet, durch den die Warriors seit 2015 insgesamt 105 Play-off-Matches zu bestreiten hatten. In Summe haben die "Dubs" also mit 515 Pflichtspielen (davon 399 Siege) ein Pensum von mehr als sechs vollen Saisonen in nur vier Jahren und siebeneinhalb Monaten abgespult und damit vielleicht einen weiteren NBA-Rekord für die Ewigkeit aufgestellt.