Von Niederkreuzstetten nach Tokio zu Olympiagold. Anna Kiesenhofer holte das erste olympische Gold für Österreich im Radsport seit 1896. Die Niederkreuzstettnerin im NÖN-Porträt:

Von Peter Sonnenberg. Update am 25. Juli 2021 (10:20)

Kurzer Rückblick: Im August 2017 beendete Anna Kiesenhofer ihre Profikarriere beim belgischen Top-Teams Lotto-Soudal, begründete gegenüber der NÖN den Schritt damals wie folgt: „Ich habe leider gemerkt, dass der Profisport für mich ein zu großer körperlicher und psychischer Stress ist und ich lieber ,nur‘ Hobbysport mache.“ Ihrem Hobby blieb die 30-jährige Niederkreuzstettnerin treu, konzentrierte sich nur mehr auf ausgewählte Rennen wie die österreichischen Staatsmeisterschaften und düpierte jetzt mit Gold im Straßenrennen knapp vier Jahre später als Amateurin alle Profis bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio.

Ein absoluter No-Name ist sie nicht

Eine Geschichte, die mehr ein Märchen ist und wie keine andere dem olympischen Grundgedanken entspricht. Und auch wenn viele Zuschauer, Experten und Gegnerinnen der Name Kiesenhofer unbekannt war vor dem vergangenen Sonntagvormittag, ließen ihre Leistungen in den letzten Jahren zumindest erahnen, welches Potenzial die Weinviertlerin hat.

Ein Auszug: Dreimal österreichische Staatsmeisterin im Zeitfahren in Serie, dazu einmal auf der Straße. Dazu Fünfte und Elfte bei den EM’s  im Zeitfahren 2019 und 2020 sowie Platz 18 bei der WM 2020 im Zeitfahren. Dennoch war die Teilnahme an den Olympischen Spielen immer ihr absoluter Lebenstraum, den sie sich mit dem Sieg beim Qualifikationsrennen in Tirol Ende Mai endgültig erfüllte. Dort, genauer gesagt in Telfs, meinte Kiesenhofer zur NÖN schon prophetisch: „Die Strecke ist sehr gut auf die Anforderungen des Kurses in Tokio abgestimmt. Das sollte mir liegen.“

In Spanien begann die Karriere

Dabei begann Kiesenhofer ihre Karriere eigentlich im Dua- und Triathlon, ehe die promovierte Mathematikerin 2014 ihren Fokus auf den Radsport legte. Damals fuhr sie, weil in Barcelona studierend, für das katalanische Team Frigoríficos Costa Brava–Naturalium, mit dem sie 2016 Gesamtsiegerin der Copa de España wurde.

Nach einem Etappensieg bei der Tour Cycliste Féminin International de l’Ardèche, dem Damen-Pendant zur Tour de France, am berühmt-berüchtigten Mount Venoux 2016 weckte sie auch das Interesse von Profiteams. Dennoch blieb es wie oben beschrieben nur beim kurzen Intermezzo, ehe die berufliche Karriere wieder im Vordergrund stand.

Jetzt liegt der Lebensmittelpunkt in der Schweiz

Seit 2017 arbeitet die Niederkreuzstettnerin an der technisch-naturwissenschaftlichen Universität im schweizerischen Lausanne als Mathematikerin und fährt für das heimische Team „Cookina Graz“. Doch, dass es am 25. Juli 2021 wirklich zu einer der größten Sensationen der österreichischen Sportgeschichte reichte, damit konnte auch sie nicht rechnen. Oder wie sie es in einer ersten Reaktion im Ziel in die Kamera sagte: „No Words.“