Polizist wegen Mordversuchs vor Gericht. Ein 54-Jähriger ist am Freitag unter anderem wegen versuchten Mordes und Körperverletzung vor dem Landesgericht Korneuburg gestanden. Dem nunmehr vom Dienst suspendierten Polizisten wurde vorgeworfen, im Bezirk Gänserndorf mit einer Pistole auf seine Frau geschossen zu haben. Der Beschuldigte bestritt den Mordvorsatz, die Staatsanwaltschaft beantragte zusätzlich die Einweisung in eine Anstalt.

Von Redaktion, APA. Update am 14. Juni 2019 (16:23)
APA (Eckl)
Prozess am Landesgericht Korneuburg

Nach Angaben der Staatsanwältin war der Polizist zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig. Aufgrund einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit ungünstiger Prognose würden aber die Voraussetzungen für eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher nach Paragraf 21 Absatz 2 Strafgesetzbuch vorliegen.

Der Anklage zufolge zog der 54-Jährige in der Nacht auf den 21. Dezember 2018 am Beifahrersitz seines Pkw eine Faustfeuerwaffe der Marke Smith & Wesson, Kaliber .357 Magnum, und richtete diese auf seine Partnerin, die sich - am Heimweg von einem Lokal - am Steuer des Wagens befand. Die Pistole soll der Beschuldigte davor in einem Plastiksack im Fußraum des Autos aufbewahrt haben.

Während er sagte "Schau, was ich da habe", soll der Mann einen Schuss abgefeuert haben. Dieser verfehlte seine Ehefrau laut Anklage nur, weil diese instinktiv ihren Kopf und ihren Körper zurückbewegte und in den Fahrersitz presste.

Die Partnerin des Beschuldigten erlitt ein Knalltrauma mit Tinnitus im rechten Ohr. Der 54-Jährige stieg sofort nach der Schussabgabe aus dem Auto, mit dem das Opfer anschließend wegfuhr. Die Frau hatte laut Anklage zum Tatzeitpunkt rund 1,7 Promille Alkohol im Blut, der Verdächtige kam auf zwei Promille.

Der Schussabgabe im Pkw war eine jahrelange Vorgeschichte vorausgegangen. Der Polizist soll seine Frau regelmäßig mit dem Umbringen bedroht haben. Um dies zu bekräftigen, soll er dabei wiederholt seine Dienstwaffe demonstrativ auf den Tisch gelegt haben. Insgesamt 20 Mal soll der 54-Jährige beim Autofahren mit seiner Partnerin als Insassin das Lenkrad verrissen und vorgegeben haben, gegen einen Baum zu fahren. Auch vor den drei gemeinsamen Kinder soll er Todesdrohungen geäußert haben. Gleich mehrmals soll der Verdächtige etwa einer seiner Töchter geschildert haben, in welcher Reifenfolge er die gesamte Familie umbringen werde. Zudem soll der Beschuldigte immer wieder gewalttätig geworden sein.

Angeklagter: "Wollte sie zu Tode erschrecken"

Der Angeklagte sagte bei seiner Einvernahme, dass er seine Partnerin mit einem Schuss in ihre Richtung "zu Tode erschrecken" habe wollen. Das Opfer widersprach dieser Feststellung. "Wenn er mich schrecken hätte wollen, hätte er in den Fußraum runter geschossen", sagte die Frau.

Der aktuell suspendierte Polizist verwies in Sachen Vorgeschichte unter anderem auf die eigene Kindheit und Jugend, in der er von seinem Vater sowie von Mitschülern als "zu klein" befunden worden war. "Das hat sich dann leider im Lauf des Lebens immer weiter reingefressen. Ich bin ein Komplexler." Er habe sich nach den Erniedrigungen Respekt verschaffen wollen, auch mit Drohungen und Schlägen gegen Frau und Kinder.

"Sie sind ja Polizist. Haben Sie nie nachgedacht, ob das falsch ist?", fragte die vorsitzende Richterin zu den Gewaltausbrüchen des Mannes. "Habe ich schon", entgegnete der 54-Jährige. Zu dem Schluss gekommen, dass sein Verhalten schlecht ist, sei er aber "leider nicht". Seine Frau sei ihm "im Lauf der Jahre zu stark geworden. Ihre Persönlichkeit hat mich unterdrückt, ich habe mich unbeachtet gefühlt", schilderte der Angeklagte.

In der Nacht auf den 21. Dezember 2018 habe sich zwischen ihm und der Partnerin am Heimweg von einem Lokal eine Diskussion darüber entwickelt, wo das spätere Opfer übernachten solle. Er habe gewollt, dass die Frau bei ihm schläft und sich über den Zick-Zack-Kurs seiner Partnerin - die sich darauf nicht festlegen wollte - geärgert. Im Pkw habe er sich schließlich erinnert, dass er die Pistole seit rund zwei Wochen im Auto dabei habe. Mit der Waffe habe er in Richtung "Höhe der Mitte der Seitentür geschossen", erklärte der Angeklagte. Gedacht habe er sich dabei, "wenn mich die Frau nicht ernst nimmt, werde ich ihr jetzt einmal einen Schock verpassen", sagte der Beschuldigte.

"Ich habe mehrere Schutzengel gehabt", sagte die Frau zur Situation im Pkw in der kontradiktorischen Einvernahme, die auf Video abgespielt wurde. Nachdem sie den Wagen angehalten hatte, habe ihr Mann die Pistole aus einem Plastiksackerl genommen und zu ihr gesagt "Schau, was ich da habe". "Ich habe gesagt: 'Bist deppert?'", schilderte das Opfer. Danach habe der 54-Jährige sofort abgedrückt. Wenn sie sich nicht zurückgelehnt hätte, wäre sie getroffen worden, war sich die Partnerin des Polizisten sicher.

Zurechnungsfähig war der Beschuldigte Gutachter Werner Brosch zufolge zu diesem Zeitpunkt. Der Sachverständige attestierte dem Mann allerdings eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit schweren Auswirkungen auf mehrere Lebensbereiche. "Die Krankheitsprognose ist ungünstig", sagte Brosch, ebenso verhalte es sich mit der Kriminalvorhersage. Die Voraussetzungen einer Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher würden bestehen, hielt der Gutachter fest. Eine Einweisung sei für ihn in Ordnung, hatte der Angeklagte bereits zuvor erklärt.

Der Prozess soll nach einer Pause um 12.45 Uhr fortgesetzt werden. Auf dem Programm stehen dann unter anderem die kontradiktorischen Einvernahmen der Kinder des 54-Jährigen.

Zielen war laut Ballistiker nicht möglich

Im Korneuburger Prozess gegen einen 54-Jährigen, der mit einem Revolver in Richtung seiner Ehefrau gefeuert haben soll, ist am Freitagnachmittag der Ballistiker am Wort gewesen. Er hielt fest, dass "aufgrund der örtlichen Gegebenheiten" im Pkw kein gezielter Schuss abgegeben werden konnte. Nach den Schlussvorträgen zogen sich die Geschworenen zu den Beratungen zurück.

Gutachter Ingo Wieser zufolge wurde der Schuss im Bereich der Mittelkonsole des Wagens abgegeben, rund 15 bis 25 Zentimeter "von der Körperfläche" der Betroffenen entfernt. Weiters hielt der Experte fest, dass ein Ausweichen der Kugel "rein technisch und physikalisch nicht geht". Möglicherweise habe sich die Frau bereits im Autositz zurückgelehnt, als sie die Pistole sah, sagte der Gutachter.

Vorgeführt wurden in der Geschworenenverhandlung am Nachmittag auch die Videos der kontradiktorischen Befragungen der zwei Töchter des 54-Jährigen. Der Sohn des Polizisten hatte auf eine Aussage verzichtet. Eine der Frauen wurde von dem Mann der Aufzeichnung zufolge unmittelbar nach dem Vorfall im Pkw angerufen. "Er hat gesagt, er hat auf die Mama geschossen", beschrieb die 26-Jährige. "Ich habe ihn gefragt, warum er geschossen hat. Er hat gesagt, er weiß es nicht und es ist ihm eh wurscht." Weiters berichtete sie - so wie ihre ältere Schwester - von immer wiederkehrenden Handgreiflichkeiten und Drohungen des Vaters, zu denen sich der Angeklagte schon zu Beginn der Geschworenenverhandlung schuldig bekannt hatte.

Die Staatsanwältin sagte im Schlussvortrag, dass der Beschuldigte seine Aussage "den Ergebnissen des Beweisverfahrens angepasst" und sich in der Hauptverhandlung anders als bei der ersten Einvernahme verantwortet habe. Sie forderte eine Verurteilung wegen versuchten Mordes sowie der weiteren angeklagten Delikte und eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Verteidiger Rudolf Mayer ortete Widersprüche in den Aussagen der Zeugen und wies in seinem Plädoyer auf die herabgesetzte Wahrnehmungsfähigkeit des alkoholisierten Opfers hin. Der Angeklagte sei wegen der Drohungen und Schläge zu bestrafen, für den Mordversuch jedoch nicht. "Er hat absichtlich daneben geschossen", sagte Mayer.

Die Privatbeteiligten-Vertreterin forderte für die beiden Töchter des Beschuldigten jeweils 10.000 Euro - einen "symbolischen und vorläufigen Betrag", wie sie betonte. Bereits vor dem Prozess hatte die Frau des Polizisten vom 54-Jährigen 25.000 Euro Schmerzengeld erhalten.

Die Beratungen starteten gegen 16.15 Uhr. Ein Urteil wurde für die Abendstunden erwartet.