Wien

Erstellt am 15. September 2018, 06:16

von APA Red

Feuer in Polizeianhaltezentrum gelegt. Schubhäftlinge haben in der Nacht auf Samstag in einer Zelle des Wiener Polizeianhaltezentrums (PAZ) am Hernalser Gürtel in der Josefstadt Feuer gelegt und versucht, die Einsatzkräfte am Betreten des Raumes zu hindern.

Großeinsatz für Polizei, Feuerwehr und Rettung  |  APA

Alle sechs Insassen der Zelle - fünf Afghanen und ein Iraner - wurden schwer verletzt. Der Verdacht lag nahe, dass es sich um einen Suizidversuch handelte, mittlerweile zweifelt die Polizei aber an dieser Annahme.

Das Feuer brach gegen 22.30 Uhr in einer Zelle im ersten Stock des PAZ aus, sagte Polizeisprecher Harald Sörös. Es wurden starke Polizeikräfte, 50 bis 60 Polizisten im Regeldienst, dazu je 20 Beamte der Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung und der Bereitschaftseinheit, herangezogen.

Sörös zufolge hatten die Häftlinge die Zellentür mit einem Spind verstellt, vermutlich um die Einsatzkräfte zu behindern. Ein Häftling lag reglos hinter der Tür. Ihn brachten die Beamten sofort aus der Gefahrenzone. In die Zelle konnten die Beamten nicht eindringen. Die Rauchentwicklung war zu stark. So übernahm die Wiener Berufsfeuerwehr.

"Wir wurden gegen 22.30 Uhr alarmiert und lösten - wie in solchen Fällen üblich - Alarmstufe zwei aus", sagte der Sprecher der Berufsfeuerwehr, Gerald Schimpf. Unter Atemschutz drangen die Feuerwehrleute - 70 waren im Einsatz - mit einer Löschleitung in das Gebäude ein und holten die anderen fünf Häftlinge aus der Zelle. Alle wurden der Berufsrettung übergeben.

Die Flammen waren schnell gelöscht. Wegen der starken Rauchentwicklung wurden 40 weitere Häftlinge aus dem ersten Stock des PAZ teilweise in den Innenhof und in andere Stockwerke evakuiert. Bei 14 bestand der Verdacht auf Rauchgasvergiftung, daher wurden sie von der Berufsrettung medizinisch versorgt. Auch ein Polizist wurde auf eine Rauchgasvergiftung überprüft, bei ihm wurde aber Entwarnung gegeben. Die Feuerwehr kontrollierte das Gebäude auf Rauchgase.

Die Berufsrettung brachte laut ihrem Sprecher Andreas Huber die sechs Schwerverletzten in verschiedene Wiener Krankenhäuser. Laut Polizei sind die fünf Afghanen 18 bis 33 Jahre alt. Beim sechsten Schwerverletzten handelt es sich um einen 30-jährigen Iraner. Zwei mussten künstlich beatmet werden, alle sechs wurden auf Intensivstationen von drei Wiener Spitälern untergebracht. Die Berufsrettung war mit einem Großaufgebot am Einsatzort. Darunter waren auch die Wagen des Katastrophenzuges.

Der innere Gürtel war einige Zeit für den Verkehr gesperrt. Zahlreiche Wägen von Polizei und Rettung blockierten die Fahrbahn. Erst nach Mitternacht war die Strecke wieder passierbar.

Wohl doch kein Suizidversuch

Wie Polizeisprecher Harald Sörös am Samstag der APA sagte, dürften die sechs Schubhäftlinge das Feuer in der Zelle gelegt haben und dann in den Waschraum gegangen sein.

Bei diesem handelt es sich um einen an die Zelle angeschlossenen Extraraum mit eigener Tür. Sörös zufolge ergaben die Ermittlungen, dass die fünf Afghanen und der Iraner in der Nacht auf Samstag in der Zelle im ersten Stock des PAZ zunächst Matratzen und Bettwäsche angezündet hatten. Dann gingen sie in den Waschraum und legten einen Fetzen vor die Tür. Damit wollten sie anscheinend verhindern, dass Rauchgase in den Nassraum eindrangen. Schließlich schlossen sie die Tür.

Weil der Stoff die Nasszelle nicht wirklich abdichtete, lief einer der Schubhäftlinge zur Tür, um Hilfe zu holen. Das dürfte jener Insasse gewesen sein, den die Polizisten hinter der Zellentür liegend gefunden und geborgen hatten.

Vor der Tat hatten die sechs Männer einen gemeinschaftlichen Abschiedsbrief verfasst, in dem sie bekräftigt hatten, dass ihre Geduld zu Ende sei und sie keine Perspektive mehr hätten. Die Ermittler halten es nun für wahrscheinlich, dass die Schubhäftlinge ein Zeichen setzen wollten, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Unterdessen gab es aus den drei Wiener Krankenhäusern, in die die Schwerverletzten gebracht worden waren, eine leise Entwarnung. Laut Sörös befanden sich alle sechs am Samstagvormittag nicht mehr in Lebensgefahr.