„Page-Turner“: Arzt veröffentlicht Roman. Eine zufällige Begegnung wird im Debütroman „Laufhaus“ von Georg Weidinger zu einer Ergründung der eigenen Herkunft. Ungeahnte Entdeckungen miteingeschlossen.

Von Christian Artner. Erstellt am 10. Januar 2020 (06:11)
Der Forchtensteiner Allgemeinmediziner Georg Weidinger mit seinem ersten Roman „Laufhaus“.
zVg

Ein Buch zu lesen, ist immer eine hervorragende Idee, ist es ein gutes Buch, umso mehr. Kommt der Autor zudem nicht aus einem entfernten Winkel der Welt, sondern könnte einem durchaus beim Bäcker über den Weg laufen, ergibt sich sogleich ein weiterer Reiz, die Lesebrille aufzusetzen.

Im September debütierte der Forchtensteiner Georg Weidinger mit seinem Roman „Laufhaus“. Alfred Kovalski, die männliche Hauptfigur, ein jahrelang praktizierender Misanthrop und virtuoser Pianist, verbringt seinen vierzigsten Geburtstag alleine. Freunde hat er kaum welche, sein Bruder schreibt ihm eine förmliche SMS, die Beziehung zu den Eltern seit jeher kompliziert, der Vater, ein Macht- und Geldmensch, mittlerweile verstorben. Also wandert er einsam durch Wien auf der Suche nach ... – Ja, wonach denn eigentlich?„Du suchst etwas, wenn du herumstreifst, durch den Bezirk spazierst. Was suchst du?“, wird Nadia Alfred später fragen. Nadia fällt ihm an diesem Tag in einem Park im zehnten Bezirk auf. Alfred wird ihr heimlich durch Wien folgen, ehe sie in einem Laufhaus verschwindet. Warum Alfred sich von Beginn an stark zu Nadia hingezogen fühlte, entflechtet Weidinger in den darauffolgenden Seiten. Er führt uns dabei in verschiedene Städte und Länder zu unterschiedlichen Zeiten. Mit jeder umgeblätterten Buchseite, tritt der Leser ein klein wenig vom Gesamtgemälde zurück, um am Ende die großen Zusammenhänge zu erkennen.

„Du kannst wohl kaum Schriftsteller werden“

Dass dieses Buch überhaupt entstanden ist, grenzt scheinbar an ein Wunder – jedenfalls wenn es nach einer früheren Deutschlehrerin von Weidinger gegangen wäre, die zu Georg, der immer schon den Traum hatte, Geschichtenerzähler zu werden, einmal sagte: „Na, so wie du schreibst, kannst du wohl kaum Schriftsteller werden.“ Weidinger war in der Volksschule schwerer Legastheniker, erzählt er. „Meine Aufsätze habe ich immer von hinten nach vorne gelesen. Bei jedem Wort, wo ich mir nicht sicher war, wie man es schreibt, habe ich ein anderes genommen, bei dem ich mir sicher war. Dadurch hatte ich keine Rechtschreibfehler, aber der Stil war furchtbar.“ Mittlerweile hat sich beides gebessert, die Rechtschreibfehler auch dank Textbearbeitungsprogrammen und der Stil sogar so sehr, dass er schon als österreichischer Paulo Coelho bezeichnet wurde, was Weidinger natürlich schmeichelt, „aber mein großes Vorbild ist Hermann Hesse. Er hat mich sehr geprägt mit seiner Sprache, seiner Zurückgezogenheit und seiner eigenen Form der Radikalität.“ Radikal – im ursprünglichen Wortsinn von: bis auf die Wurzeln – geht Weidinger auch in seinem Roman vor: seine Figuren begeben sich auf die Suche nach ihrer eigenen Herkunft. Weidinger verwendet dabei als Umfeld, wie der Titel des Romans bereits ahnen lässt, das Laufhausmilieu, zu dem er einen ganz besonderen Bezug hat: „Ich habe 16 Jahre lang in einem ehemaligen Laufhaus in Wittau in Niederösterreich gelebt. Das ist ein 500-Seelendorf, wo es nicht viel gab. Damals hat es vor uns aber noch diesen Puff gegeben.“ Wobei es Weidinger weniger um dieses spezielle Milieu geht, sondern er interessiert sich generell für Menschen, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. „Und da ist die Prostituierte in einem Laufhaus ein klassisches Beispiel für jemanden, der irgendwo landet, wo nicht mehr hingeschaut wird.“

„Drei weitere Ideen für Romane im Kopf“

Weidinger hat für seine Buchrecherche zwar nicht eigens mit Prostituierten gesprochen, aber als TCM-Arzt hat er in seiner Praxis immer wieder auch solche Frauen behandelt. Neben Romanautor, Sachbuchschreiber („Die Heilung der Mitte“ mit über einhundertausend verkauften Exemplaren), Komponist (klassische Musik spielt ebenfalls eine zentrale Rolle im Roman) ist er auch Allgemeinmediziner sowie Allgemeinmediziner für Chinesische Medizin.

Ideen für weitere Romane hat der „Zuagraste“, wie Weidinger, der seit 2013 in Forchtenstein wohnt, sich selbst nennt, bereits genug. „Ich habe drei weitere Geschichten in meinem Kopf. Davor schreibe ich aber noch ein großes Werk über chinesische Medizin gegen Krebs.“ Spätestens jetzt muss auch seine ehemalige Volksschullehrerin eingestehen: Georg Weidinger ist Schriftsteller.