Das letzte Schnitzel serviert: Wirtshaus Gerencser schließt endgültig

Erstellt am 15. September 2022 | 05:32
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Eines der letzten traditionellen Wirtshäuser im Bezirk Mattersburg, das Gasthaus Gerencser, hat vergangene Woche nach 53 Jahren geschlossen. Norbert Gerencser geht mit 62 Jahren in den verdienten Ruhestand.

Ein Wirtshaus ist ein richtiger Full-Time-Job: vierzehn oder gar bis zu achtzehn Stunden stand Norbert Gerencser täglich hinter seiner Theke oder in der Küche, bediente und bekochte dort seine Gäste: „Ich bin eigentlich nur zum Schlafen nach Hause gegangen. Irgendwann sagt aber der Körper: ‚Jetzt ist Schluss.‘“ Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen.

Schon als Norbert Gerencser neun Jahre alt war, begann er regelmäßig im Wirtshaus seiner Eltern auszuhelfen. Sein Vater Alexander Gerencser eröffnete das Gasthaus am 6. Jänner 1970. 1995 übergab er es an seinen Sohn. Es war auch das Jahr, in dem Norbert Gerencser die Badkantine, Xandl’s Seetaverne, übernahm. Zu Ehren seines Vaters hat Gerencser junior den Namen niemals geändert. Bis zu diesem Sommer wurde sie von ihm geführt und ist damit die mit Abstand am längsten von einem einzelnen Betreiber geführte Kantine in einem Badebetrieb im Bezirk. Der Pachtvertrag wird ebenfalls gekündigt.

„Es ist ja trotzdem dieselbe Geschichte, dass es auf den Körper geht und das Geschäft einem Tag und Nacht Kopfzerbrechen bereitet.“
Norbert Gerencser

„Jeder sieht eigentlich nur das schöne Geschäft, das man mit so einer Kantine machen kann, aber dass es trotzdem harte Arbeit ist und dass man sich auch darum kümmern muss, wenn es nicht so gut läuft, das sehen nur wenige.“ Gerencser sagt, dass er kurz noch überlegt habe, die Seetaverne weiter zu führen, sich dann aber doch dagegen entschieden hat. „Es ist ja trotzdem dieselbe Geschichte, dass es auf den Körper geht und das Geschäft einem Tag und Nacht Kopfzerbrechen bereitet.“

„Einerseits bin ich froh, andererseits aber auch traurig.“

Insgeheim ist Norbert Gerencser deshalb auch ein bisschen froh, dass er in Pension gehen kann. Die vergangenen zweieinhalb Jahre waren für Gastronomen alles andere als einfach. Zunächst die Pandemie, jetzt der Krieg, der auch für Wirte die Preise in die Höhe treibt. „Davor gab es noch das Rauchverbot, das für ein Gasthaus wie unseres eine große Einbuße war.“ Wenn man allerdings so lange im Geschäft ist wie Norbert Gerencser, sind es die sprichwörtlich zwei Herzen, die in seiner Brust schlagen: „Einerseits bin ich froh, andererseits aber auch traurig. Vor allem in den letzten Tagen ist es fast stündlich schwieriger geworden. Es hängen ja doch sehr viele emotionale Erinnerungen an dem Wirtshaus.“

Nicht nur für ihn selbst fällt der Abschied schwer, auch für die Stammgäste und das Personal sind es emotionale Momente. In den über 50 Jahren war das Gasthaus Gerencser Arbeitgeber für viele Menschen, manche waren länger, andere kürzer beschäftigt. „Wir haben sie dadurch auch unterstützt, dass sie sich finanziell ein bisschen was aufbauen konnten.“ Auch Gerencsers Lebensgefährtin und Chefin des Hauses hat lange Zeit mit angepackt, bis sie ein Schlaganfall vor 13 Jahren aus dem Arbeitsleben riss und in den Rollstuhl brachte.

„Die guten alten Stammgäste sterben mit der Zeit weg. Auch die ganzen Kartenspielerpartien sind altersbedingt bis auf eine zerbröselt.“

Und die Stammgäste? Da gäbe es schon ein paar, die jetzt ein wenig murren. Aber letztendlich verstünden sie es dann doch. Ein Wirtshaus, wie das von Norbert Gerencser, lebt natürlich von seinen treuen Stammgästen, die allerdings mit der Zeit – so ist der Lauf des Lebens – allmählich weniger werden. Ganz banal ausgedrückt: „Die guten alten Stammgäste sterben mit der Zeit weg. Auch die ganzen Kartenspielerpartien sind altersbedingt bis auf eine zerbröselt.“

So dünnte sich allmählich der vormals breite Stamm der Stammkunden immer weiter aus. Die, die zu Gast waren, konnten sich aber darauf verlassen, dass Norbert Gerencser bis zuletzt dem treu geblieben ist, was seinen Vater seit Beginn an ausgezeichnet hat. „Wir waren immer ein normales, bodenständiges Wirtshaus mit großen Portionen zu einem vernünftigen Preis. Das haben sich unsere Gäste erwartet und das haben wir geliefert.“

„Wir waren immer ein normales, bodenständiges Wirtshaus mit großen Portionen zu einem vernünftigen Preis. Das haben sich unsere Gäste erwartet und das haben wir geliefert.“

Dass Gerencser schon ab Samstag geschlossen hatte und nicht mehr das Dorffest abwartete, hat auch einen bestimmten Grund: „Am Dorffest waren wir nie vertreten, weil schon mein Vater der Ansicht war, dass es in erster Linie eine Veranstaltung für Vereine sein soll. Die Gewerbetreibenden haben sowieso das ganze Jahr offen.“

Für die Pension hat sich Gerencser vorgenommen, endlich länger auszuschlafen. „Außerdem habe ich einen großen Garten und ein Haus. Da gibt es immer was zu tun. Manchmal wundere ich mich, wie wir das alles die ganzen Jahre überhaupt geschafft haben.“

Bei einem Abschied nach so langer Zeit darf zum Schluss eine Danksagung nicht fehlen. „Wir bedanken uns bei all unseren Gästen und ganz besonders bei unseren treuen Stammgästen.“ Das „treue Stammgäste“ könne man sogar unterstreichen, so Gerencser.