Neusiedler See leidet unter Trockenheit. Zwischen 1965 und 2020 wurden Mitte Mai noch nie so tiefe Pegelstände verzeichnet wie heuer.

Von Birgit Böhm-Ritter und APA . Erstellt am 20. Mai 2020 (20:25)

Die Trockenheit der vergangenen Monate macht der Region zu schaffen. Wie dringend Niederschlag gebraucht wird, ist abnicht nur auf den Feldern sichtbar. Der Einfluss der trockenen Wintermonate auf Fauna und Flora ist besonders rund um den Neusiedler See bemerkbar.

So vermeldete etwa der Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel die schlechtesten Zählwerte seit Beginn des Nationalpark-Vogelmonitorings bei Brutpaarzählungen bei Kiebitz, Uferschnepfe und Rotschenkel.

„Man kann sich den See als dichte Wanne vorstellen, die zu 80 Prozent aus Niederschlag gespeist wird.“Karl Maracek, Leiter des Referats Hydrographie im Amt der Burgenländischen Landesregierung.

Die schlechten Werte sind mit dem geringen Grundwasserstand erklärbar, der wiederum die Lacken beeinflusst. Diese sind zum Teil bereits ausgetrocknet. Nichts Ungewöhnliches, für diese Jahreszeit aber nicht die Regel. Einige Vögel weichen aus und suchen sich feuchtere Stellen. Etwa am Ufer des Neusiedler Sees, wo plötzlich Stelzenläufer zu sehen sind. Der anmutige Vogel mit den langen roten Beinen ist sonst nur an den Lacken des Seewinkels zu beobachten.

Doch auch das Ausweichgewässer des Stelzenläufers sehnt sich dringendst nach Regen. Der Wasserstand des Sees, derzeit 115,30 müA (Meter über Adria) ist vom Durchschnittswert für diese Jahreszeit um etwa 30 (!) Zentimeter entfernt. Noch nie seit 1965 wurden Mitte Mai so niedrige Werte gemessen.

„Man kann sich den See als dichte Wanne vorstellen, die zu 80 Prozent aus Niederschlag gespeist wird. In den ersten drei Monaten des Jahres gab es aber fast um die Hälfte weniger Niederschlag als im Mittel und auch danach wurde es nicht feuchter“, erklärt Karl Maracek, Leiter des Referats Hydrographie im Amt der Burgenländischen Landesregierung.

Enorme Wasserstandsschwankungen gehören zum Charakter des Neusiedler Sees. Der momentane Tiefststand wird aber mit Sorge beobachtet. Sowohl die ungarische Behörde für Wasserwesen in Györ als auch die Burgenländische Landesregierung erstellten Wasserstandsprognosen bis Anfang September . Letztere rechnet im besten Fall damit, dass der Wasserstand auf 115,58 mÜA aufspiegelt, im schlechtesten Fall aber mit einer weiteren Senkung auf 114,97 müA. Damit wäre der absolute Tiefstwert seit 1965 erreicht.

Vergleich. Die graue Fläche stellt den Schwankungsbereich zwischen den niedrigsten und höchsten Pegelständen (in müA) der langjährigen Reihe in Form von Tagesmittelwerten dar, die schwarze Linie deren Mittelwert. Die grüne Linie zeigt die Pegelstände im Vorjahr, die rote Linie die diesjährigen Pegelstände.
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Karl Maracek betont allerdings, dass der Wasserstand von Regenereignissen abhänge und diese seien sehr schwierig zu prognostizieren. Es handle sich daher um eine Prognose mit einem hohen Unsicherheitsgrad. Auf die Frage ob der niedrige Pegel nun in die natürlichen Zyklen des Sees einzuordnen sei, oder ob der Klimawandel eine Rolle spiele, antwortet Maracek allerdings bestimmt: „Es gibt einige Anzeichen, dass wir uns Mitten im Klimawandel befinden.“

Ähnlich tiefe Niveaus zur gleichen Jahreszeit traten 1991, 2004 und 2005 auf. Den absoluten Tiefststand in den verangenen 50 Jahren erreichte der Pegel des Sees im September 2003 (115,07 mÜA). Damals wurde über die Zuführung von Fremdwasser, vorrangig Donauwasser, diskutiert.

Unteruchungen dazu könnten nun erneut forciert werden: „Das Thema Trockenheit beschäftigt uns schon einige Zeit, auch im Zusammenhang mit dem Neusiedler See. Hier gibt es verschiedene Pläne, wir arbeiten mit Hochdruck an Lösungen. Details können wir noch keine nennen“, heißt es aus dem Büro des zuständigen Landesrats Heinrich Dorner.

Seitens des Fachbereichs Wasserwirtschaft werden derzeit alle Informationen zur aktuellen Situation sowie bisher erarbeitete Materialien, darunter auch Studien, gesammelt. Dabei sollen auch bereits bestehende Untersuchungen über eine Wasserzufuhr für den Neusiedler See herangezogen werden.

Ein Lösungsansatz bei einer Wasserzufuhr wäre im Gebiet zwischen Donau und Raab zu finden, erläuterte Josef Wagner von Amt der Burgenländischen Landesregierung. Man benötige dabei einen entsprechenden Vorfluter. Hier wäre die Donau oder die Mosoni-Duna (ein Donau-Altarm, Anm.), die bessere Option, weil auch die Raab - speziell im Sommer - sehr wenig Wasser führe. Zudem müssten viele Wasserrechte auf ungarischer Seite berücksichtigt werden, gab der Gruppenleiter im Amt der Landesregierung zu bedenken.

Die Kosten eines solchen Vorhabens ließen sich aktuell nicht beziffern. Dies sei davon abhängig, ob und welche Lösung letztlich zum Tragen komme und welche technischen Maßnahmen gesetzt werden müssten. "Seit 2015 ist kein Wasser mehr über den Einserkanal abgeleitet worden. Das heißt, wir haben eine extreme Trockenperiode derzeit", stellte Wagner fest. Man hoffe natürlich, dass sich die Lage wieder verbessere.

Eine mögliche Wasserzufuhr aus dem Bereich der Donau wurde schon Anfang der 2000er-Jahre, vor der Segel-WM am Neusiedler See, diskutiert und wurde damals kritisch beurteilt. Befürchtet wurde, dass man damit den Chemismus des Sees ändere. Zugeführt würde eher kalkhältiges Wasser, dies könne zu einer Auswaschung des Salzes aus dem See führen, hieß es.

Auswirkungen auf den Chemismus des Sees seien daher zu prüfen. Schon in früheren Zeiten sei der Neusiedler See mit Hochwasser aus dem Gebiet zwischen Donau und Raab dotiert worden. Der Neusiedler See ist in seiner Geschichte auch schon ausgetrocknet - das bisher letzte Mal 1867. "Da war er fünf Jahre trocken", sagte Wagner. Wie es nun weitergehen solle, sei Sache der Politik, wobei auch bilaterale Fragen zum Tragen kommen könnten. Und bei einer innerösterreichischen Lösung müsse man mit Niederösterreich reden.