Kauflaune derzeit noch auf Sparflamme. Die Umsätze im Bezirk Neusiedl am See steigen langsam wieder an, das normale Niveau wird aber – mit Ausnahmen – noch kaum erreicht.

Von Saskia Jahn, Birgit Böhm-Ritter und Norbert Aichhorn. Erstellt am 18. Juni 2020 (05:30)
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Die Unternehmer des Bezirks hoffen, dass mit dem Wegfall der Maskenpflicht auch die Kauflaune wieder ansteigt.
Symbolfoto/Shutterstock

Seit zwei Monaten gelten im Handel bereits Lockerungen der Corona-Einschränkungen. Die meisten Geschäfte im Bezirk durften nach einem vierwöchigen Lockdown am 14. April wieder öffnen. Die Kauflaune der Kunden kommt allerdings erst jetzt langsam in die Gänge.

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Hannes Mosony, Spartenobmann-Stellvertreter für den Handel, ortet im Bezirk insgesamt eine gute Stimmung bei Unternehmern.
BVZ

Hannes Mosonyi, Spartenobmann-Stellvertreter für die Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Burgenland, gab im Gespräch mit der BVZ einen Überblick über die Stimmung im Neusiedler Bezirk: „Wie in anderen Branchen gibt es auch im Handel Gewinner und Verlierer“, erklärte der Wallerner. Der Handel sei sehr breit aufgestellt und deswegen auch sehr unterschiedlich von den Corona-Maßnahmen betroffen gewesen: „Während der Lebennsmittelhandel und die Drogeriemärkte sensationelle Zuwachsraten vermelden, gehören etwa Autohäuser zu den Verlierern.“ Der Autokauf habe viel mit Stimmung zu tun und diese sei etwa am Arbeitsmarkt nicht rosig. „Viele sind in Kurzarbeit oder sogar arbeitslos, da will man sich kein neues Auto kaufen“, präzisiert Mosonyi.

Positive Grundstimmung im Bezirk

Trotzdem spürt Mosonyi, dass die Grundstimmung im Handel positiv ist. „Das habe ich bei unseren Betriebsbesuchen bereits gemerkt. Die Hoffnung, dass wir bald wieder in die alte Normalität kommen und der Konsum wieder anspringen wird, ist da. Gleichzeitig haben aber alle verstanden, dass die Corona-Maßnahmen notwendig waren“, betont Mosonyi und fügt hinzu, dass Maskenpflicht, Abstandhalten, Quadratmeterregelung sowie die Angst in den Köpfen der Menschen aber sicherlich zu einem verhaltenen Einkaufsverhalten beigetragen haben. Mit den Lockerungen und dem Wegfall der Maskenpflicht ab 15. Juni werde die Kauflaune aber wieder anspringen, zeigt er sich optimistisch.

Die Vorsicht sitzt noch im Kopf

Das glaubt auch Sigrid Landauer-Knotek. Sie betreibt mit drei Mitarbeitern ein Bekleidungsgeschäft in Gols. Die Aufhebung der Maskenpflicht erhöhe sicherlich die Kauflust, da Probieren mit Maske einfach „unmöglich“ gewesen sei. „Die Vorsicht sitzt bei machen Kunden aber noch im Kopf, viele haben eine Maske dabei. Beim Abstecken der Kleidung, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann, wird weiterhin eine Maske verwendet“, erklärt sie.

Nach der Wiedereröffnung nach Ostern begann der Umsatz im Golser Bekleidungsgeschäft langsam, aber stetig zu steigen. Der Umsatzschnitt des Vorjahres wurde noch nicht erreicht, doch der Blick in die Zukunft ist optimistisch. „Viele Stammkunden haben während der Schließung angerufen und sich erkundigt, wie es geht. Nach der Wiedereröffnung sind sie als Erste wiedergekommen und haben eingekauft, obwohl sie noch keinen wirklichen Bedarf dazu hatten“, freut sich Landauer-Knotek über eine krisenbewährte Kundenbindung.

Während des Stillstandes sank der Umsatz auf null – bei vollem Lagerbestand der Frühjahrsmode, die nicht verkauft werden konnte. Trotzdem war für die Geschäftsfrau der Lockdown alternativlos, um nicht italienische oder amerikanische Zustände zu haben. „Die Regierung hat sehr umsichtig und besonnen gehandelt“, ist Landauer-Knotek überzeugt.

Melanie Wurm, die gemeinsam mit ihrem Mann Armin seit vielen Jahren neben einer Tischlerei auch das Kinderfachgeschäft „Der Holzwurm“ in Frauenkirchen betreibt, hat ihre Öffnungszeiten den Umständen angepasst: „Ich war immer der Überzeugung, dass die Menschen das Gefühl haben sollen, dass sie immer vorbeikommen können. Jetzt, in der aktuellen Situation, ist dies aber nicht notwendig. Am Nachmittag kommen sehr wenige bis gar keine Kunden, also habe ich die Öffnungszeiten komprimiert“, erklärt die Unternehmerin. Die vierwöchige Schließung habe auf jeden Fall Spuren hinterlassen. „Ich bin ein Geschenke-Laden. Da aber jede Art von Feier und auch Kommunionen und vieles mehr abgesagt wurden, war es für uns sehr schwierig. Die Tischlerei war in dieser Zeit unser Anker.“ Schön langsam beruhige sich aber die Lage, denn parallel mit den wieder stattfindenden Taufen kamen auch wieder vermehrt Kunden ins Geschäft. „Ich bin vor allem meinen treuen Stammkunden sehr dankbar“, betont Wurm

Irene Paul von Textil-Mode Otto Unger in Frauenkirchen berichtet von einem „massiven“ Andrang auf Baumwollstoffe und Gummi: „Wir haben ein großes Sortiment, auch Baumwollstoffe und Gummi gehören dazu. Am Anfang war das ganz eindeutig unser Hauptgeschäft.“ In der letzten Woche habe sich die Situation größtenteils normalisiert. „Ich habe das Gefühl, dass viele und vor allem auch junge Leute umdenken. Sie kaufen bewusster in der Region ein und auch die Freizeit, der Sport, die Bewegung gewinnen an Bedeutung. Urlaub in Österreich wird heuer großes Thema sein und für all das bieten wir die passende Bekleidung“, blickt Paul positiv in die Zukunft.

Einige Ortschaften weiter – in Wallern im Burgenland – führt Gerlinde Streuer-Csukker zusammen mit ihrem Mann ein Schuhgeschäft. Auch sie berichtet, dass die Umsätze zwar steigen, vom Vorjahresniveau aber noch weit entfernt liegen. „Es fehlen schlicht die Anlässe für den Schuhkauf wie Hochzeiten, Taufen, Erstkommunion und Firmungen.“

Ihr Lager ist jedenfalls voll – mit bereits bestellter und bezahlter Frühjahrsware und Winterschuhen, die nicht mehr abverkauft werden konnten. Auf die Frage, ob mit dem Wegfall der Maskenpflicht auch die Kauflaune steige, antwortet Streuer-Csukker: „Die Maskenpflicht im Schuhgeschäft war nicht so verkaufshemmend, da der Blick bei der Anprobe auf die Schuhe gerichtet ist und nicht auf das Gesicht. Nach der Aufhebung der Maskenpflicht kamen trotzdem einige Kunden mit Maske ins Geschäft, weil sie sich sicherer fühlten.“ Das Verkaufen sei aber angenehmer ohne Maske. „Hoffentlich steigt nun auch die Kauflaune, die wir dringend brauchen.“

Gewinner sind die Radgeschäfte

Zu den Gewinnern im Handel zählen die Radgeschäfte. Diese sind regelrecht überrannt worden. Auch Bernd Zupak vom „Mountainbiker am See“ bestätigt den Boom: „In den ersten Wochen haben wir nur Reparaturen erledigen dürfen - kontaktlos. Das hat sich über die sozialen Medien schnell herumgesprochen. Viele sind gekommen, haben ihre Räder vor dem Geschäft abgestellt und repariert wieder abgeholt. Aber seit der Öffnung des Handels am 14. April geht es wirklich ‚Vollgas’ und das hat bis heute nicht aufgehört.“ Das Geschäft in Weiden am See darf sich über einen noch nie dagewesenen Umsatz freuen. „Die Leute dürften draufgekommen sein, dass Radfahren cool ist“, sagt Zupak. Egal ob mit Maskenpflicht oder ohne, das Geschäft mit den Rädern laufe heuer besonders gut.

Anders sei das in seinem Optikergeschäft in Neusiedl am See gewesen. Als Optiker durfte er sein Geschäft zwar immer geöffnet halten, in den Monaten März und April sei der Umsatz aber sehr gering ausgefallen. „Mittlerweile hat sich das Geschäft aber wieder auf normalem Niveau stabilisiert.“

Die Krisensituation hat so manchen Unternehmer jedenfalls auf innovative Ideen gebracht. Vor allem der Online-Handel hat im regionalen Bereich etwas Schwung bekommen. Die Wirtschaftskammer habe hier schon vor der Coronakrise Veranstaltungen angeboten, um den Online-Handel anzutreiben. Diese seien jedoch nur mäßig angenommen worden, bedauert WKO-Spartenobmann-Stellvertreter Mosonyi, betont aber: „Die, die sich schon vorher mit dem Online-Handel beschäftigt haben, konnten jetzt davon profitieren und haben gute Verkaufszahlen. Diejenigen, die erst jetzt damit begonnen haben, können nur schwer Fuß fassen.“ Vor allem in der Weinbranche hätten Online-Shops schon gut funktioniert. Die Krise könnte nun jedenfalls zum Anlass genommen werden, die Digitalisierung im Handel zu forcieren.