Psychologin im Interview: „Aktiv ruhig bleiben“. Die Neusiedler Psychologin Ulrike Karolyi spricht über Herausforderungen in der Corona-Krise und sieht auch Chancen.

Von Birgit Böhm-Ritter. Erstellt am 03. April 2020 (05:34)
Psychologin Ulrike Karolyi: „Langeweile ist nichts Schlechtes.“
BVZ

BVZ: Was gilt es in den nächsten Wochen zu beachten?

Ulrike Karolyi: Das oberste Ziel ist jetzt Geduld. Es gilt, sich mehr auf das Heute zu konzentrieren als auf die Zukunft. Man kann sich aber vor Augen halten, dass die Kraft der Anpassungsfähigkeit im Menschen von Natur aus verankert ist. Eine Überlebenskraft, der man nur zuhören muss. Für viele Menschen ist es heute ungewohnt, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Es hilft, die Situation immer wieder neu zu bewerten und sich vor Augen zu halten, dass die Isolation im Moment ein Schutz für uns ist.

„Hätte uns die Corona-Krise im Winter erwischt, wäre die Quarantäne für die Mehrheit schlimmer zu ertragen gewesen“

BVZ: Kann diese Krise auch eine Chance bedeuten?

Natürlich! In jeder Krise steckt eine Chance, sich selbst, Angehörige und sogar die eigenen Kinder von einer anderen Seite kennenzulernen. Die erste Zeit kann auch eine sehr wohltuende Zeit gewesen sein - mit mehr Freiräumen als gewohnt und mehr Zeit für die Kernfamilie. Hätte uns die Corona-Krise im Winter erwischt, wäre die Quarantäne für die Mehrheit schlimmer zu ertragen gewesen. Jetzt im Frühling kann man auch rausgehen und es bleibt länger hell. Das ist ein Glück.

BVZ: Persönliche Kontakte müssen eingeschränkt werden. Wie kann man sich und seine Mitmenschen vor Vereinsamung schützen?

Es gibt Menschen, die haben kein Problem damit alleine zu sein, andere wiederum - die „Gesellschaftstiger“ (lacht) - leiden jetzt unter den Einschränkungen. Die moderne Technik ist aber sehr hilfreich. Chatten über moderne Kommunikationsmittel ist ein guter Ersatz für persönliche Treffen. Sorgen mache ich mir aber um die älteren Menschen, die keinen Zugang zu neuen Medien haben.

BVZ: Kann man trotzdem in Kontakt bleiben?

Wir alle haben ja schon längst begonnen, neue Gewohnheiten mit der Familie zu leben. Anrufen, auch wieder Briefe schreiben oder - mit Abstand - einen Fenstertratsch machen. Ich wünsche mir, dass Nachbarn aktiver werden, um ältere, alleinstehende Menschen miteinzubeziehen.

BVZ: Wie kann man verhindern, dass einem in der häuslichen Quarantäne „die Decke auf den Kopf“ fällt?

Ganz wichtig ist es, auf eine tägliche Struktur zu achten. Die Essenszeiten geben Fixpunkte vor. Man sollte sich Termine einteilen und Ziele setzen. Auch neue Rituale könnten eine gute Möglichkeit bieten, etwa eine Vorlesestunde für die Kinder. Familien sollten sich davon verabschieden, alles gemeinsam machen zu wollen. Jeder hat eigenen Bedürfnisse und braucht Rückzugsmöglichkeiten.

„Eltern sollten nicht glauben, dass Langeweile der Kinder etwas Schlechtes ist“

BVZ: Wie vermittelt man Kindern die derzeitige Situation. Soll man die Krise von ihnen „fernhalten“?

Nein. Altersentsprechend aufklären. Kleinere Kinder sollten keine Nachrichten für Erwachsene schauen. Besser wäre es, wenn die Eltern diese Situation sowie die eigenen Sorgen und Ängste in zwei, drei Sätzen selber erklären. Eltern müssen allerdings aufpassen, dass sie den Kindern ihre eigenen Sorgen nicht „umhängen“.

BVZ: Worauf können Eltern noch achten, damit das Zusammenleben harmonisch bleibt.

Gut wäre es, Spiel- und Arbeitsbereiche zu trennen, wenn die Wohnsituation das ermöglicht. Außerdem sollten Eltern nicht glauben, dass Langeweile der Kinder etwas Schlechtes ist. Es kann eine sehr kreative Zeit daraus wachsen. Was wirklich schwierig ist, sind fixe Termine wie etwa Geburtstage, die jetzt nicht mit Freunden gefeiert werden können. Eine liebe Idee ist es, einen Gutschein für eine Nicht-Geburtstagsparty zu verschenken, die mit Freunden eben dann gefeiert wird, wenn das wieder möglich ist.

BVZ: Kann es auch gefährlich sein, zu viele Nachrichten zu konsumieren?

Ja. Man muss sorgfältig auswählen, welche Nachrichten man konsumiert. In manchen Medien wird das Corona-Thema mit einem Übermaß an Emotionalität aufbereitet. Konsumiert man zu viel davon, verbraucht man enorm an Kraft und Gefühlen. Das ist wie ein Teufelskreis, den man füttert. Deeskalieren kann man, wenn man aufhört, den Teufelskreis zu füttern.

Interview: Birgit Böhm-Ritter