„Pudding im Knie“: Leben mit Diabetes

Erstellt am 01. November 2019 | 06:03
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Ständiger Begleiter. Timeas Insulinpumpe versorgt sie mit dem Insulin, das sie braucht. Wenn etwas nicht stimmt, piepst das Gerät.
Foto: BVZ
Die 13-jährige Timea Muik hat Praxistage bei der BVZ absolviert. In ihrem ersten Artikel berichtet sie von ihrem Alltag.

Ich bin Timea, komme aus Zurndorf und bin 13 Jahre. Ich habe Typ 1 Diabetes. Das ist eine Autoimmun-Krankheit, bei der die Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr produziert. (Ich habe noch zwei weitere Autoimmun-Krankheiten: eine Schilddrüsenunterfunktion und Zöliakie.)

Als ich die Diagnose bekam, war ich eineinhalb Jahre alt. Meine Eltern hatten schon eine Vorahnung, denn alle Symptome (immer volle Windeln, immer durstig und müde) wiesen darauf hin. Meine Eltern waren bei vielen Ärzten. Bis die richtige Diagnose gestellt wurde, hat es aber längere Zeit gedauert.

Ich wurde mit 900 mg/dl Blutzucker in das Krankenhaus in Eisenstadt gebracht. Bei gesunden Menschen liegt der Blutzuckerwert zwischen 70 und 130 mg/dl. Meine Eltern und ich mussten zwei Wochen im Krankenhaus verbringen, wo man auch meine Eltern über Diabetes aufklärte.

„Viele denken, ich bin selbst schuld“

Insulin brauchen wir zum Leben, weil nur mit Insulin der Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangt. Manche denken, dass ich selbst schuld an meinem Diabetes bin, weil ich zu viel genascht habe und keinen Sport gemacht habe. Das stimmt nicht. Die Ursachen sind noch nicht genau geklärt.

Es ist nicht gut, wenn der Blutzuckerwert zu hoch oder zu niedrig ist. Es kann schlimme Folgen haben, wenn man sich als Diabetiker nicht um seinen Wert kümmert. Das Leben mit Diabetes kann ganz schön kompliziert sein: Man sollte sich 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr um seinen Blutzuckerwert kümmern, auch am Geburtstag, an Weihnachten oder im Urlaub. Es gibt auch Leute, die der Meinung sind, dass Menschen mit Diabetes alles perfekt machen müssen. Sie verstehen es nicht, wenn man sich mal denkt: „Ich habe jetzt keine Lust, mich darum zu kümmern.“ Selbst wenn man alles richtig macht, heißt das nicht, dass die Blutzuckerwerte immer gut sind.

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Im Einsatz. An ihren vier Praxistagen hat Timea die BVZ-Redakteure zu Terminen begleitet, Fotos geschossen und ihren ersten eigenen Zeitungsartikel geschrieben.
Foto: BVZ

In einer Turnstunde war ich einmal so unterzuckert, dass ich die ganze Stunde lang nicht mitturnen konnte. Wenn der Blutzucker zu niedrig ist, muss ich etwas Süßes essen oder trinken. Ich hatte schon eine Flasche Apfelsaft getrunken, mindestens vier Traubenzucker und sackerlweise Gummibärchen gegessen. Dennoch fühlte ich mich noch wackelig auf den Knien, mir war kalt und trotzdem schwitzte ich. Bis ich mich erholt hatte, war die Turnstunde zu Ende. Und dann kam das letzte Unterzuckerungssymptom: eine „Fressattacke“.

Bei meinem 11. Geburtstag gab’s natürlich Kuchen und Süßigkeiten. Denn auch mit Diabetes darf man alles essen! Ich habe so viel gegessen, dass es schwierig war, immer mit dem Abgeben des Insulins nachzukommen. Deshalb ist mein Blutzuckerwert in die Höhe geschossen. Ich fühlte mich so, als hätte mir jemand Ziegelsteine an meine Füße gebunden. Ich war unglaublich müde, hatte andauernd Durst und musste ständig aufs WC.

Unsicherheit prägte die Anfangszeit

Als die Diagnose gestellt wurde, waren meine Eltern anfangs ängstlich und unsicher, wie alles klappen soll. Ich war noch zu klein, um zu sagen, dass ich „unterzuckere“. Also ließ sich meine Mama etwas einfallen. Und zwar meinte sie, dass es sich in den Knien bestimmt wie Pudding anfühle. Und das fand ich so lustig, dass ich es mir gemerkt habe. Von da an sagte ich immer, wenn der Blutzuckerwert niedrig war: „Ich habe Pudding in den Knien.“ Die gesamte Kindergarten- und Volksschulzeit über begleitete mich eine liebe Betreuerin. Sonja hat meine Blutzuckerwerte gemessen und war immer da und hat mir geholfen.

Seit Beginn der Mittelschule bin ich im Unterricht auf mich alleine gestellt. Die erste Zeit war sehr aufregend. Ich war ängstlich, weil ich nicht wusste, ob ich das alles alleine schaffen kann und wie meine Klassenkameraden, Lehrerinnen und Lehrer reagieren würden. Glücklicherweise hatte niemand ein Problem mit meiner Krankheit. Ich habe super Freundinnen, die mich gleich von Schulbeginn an unterstützten.

Meine Eltern und ich gingen mit dem Diabetes immer sehr offen um. Wir haben nie versucht, die Krankheit zu verstecken, und sind Fragen nie ausgewichen. Ich habe bis jetzt auch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Nur manche Bemerkungen nerven, etwa wenn Leute glauben, sie wissen besser Bescheid und mir seltsame Tipps geben.

„Diaversary“: Party zum Jahrestag der Diagnose

Natürlich ist das Blutzucker messen und das ständige Abgeben von Insulin anstrengend. Vor allem für die Psyche. Den Alltag prägen ständige Überlegungen, wie man den Blutzuckerwert nun regulieren muss. Laut einer Studie müssen Diabetiker 180 Entscheidungen am Tag mehr treffen als Menschen ohne Diabetes. Es ist wirklich schwierig, mit Diabetes zu leben, aber man schafft es irgendwie.

Ich glaube, ich kann mit Diabetes ganz gut umgehen. Man muss auch positive Dinge daraus ziehen. Vor zwei Jahren feierten meine Freunde, meine Familie und ich eine Party am zehnten Jahrestag der Diagnose (das nennt man auch Diaversary) – mit Kuchen, Luftballons, Geschenken, also mit allem, was zu einer tollen Party dazugehört. Wir feierten, was wir in den vergangenen zehn Jahren schon alles geschafft haben.