Neusiedler Hallenbad: Statussymbol der 70er. Architekturstudent Lukas Malli blickt mit der BVZ auf die späten 1970er-Jahre zurück, als Neusiedl um sein top-modernes, neues Hallenbad beneidet wurde.

Von Paul Haider. Erstellt am 20. September 2020 (05:22)
Lang erwartet. Bei der Eröffnungsfeier im Juni 1977 drängten sich hunderte Schaulustige in die Hallenbad-Arena. Zu Gast war auch der spätere Bundeskanzler Fred Sinowatz.
Stadtarchiv Neusiedl

Es ist der 12. Juni 1977: Diesem Tag hat Neusiedl am See seit Jahren entgegengefiebert: Denn heute wird das neue Hallenbad eröffnet – und alle wollen dabei sein. Hunderte Zuschauer drängen sich in der Hallenbad-Arena und können es kaum erwarten, das futuristische Gebäude endlich von innen zu sehen. Zuvor gibt es Ansprachen: Bürgermeister Hans Halbritter präsentiert das Prestigeprojekt, dessen Umsetzung 65 Millionen Schilling gekostet hat. Der Hallenbad-Bau stellt einen der größten Meilensteine in Halbritters 30-jähriger Amtszeit dar. Anlässlich der Eröffnungsfeier ist auch der damalige Unterrichtsminister und spätere Bundeskanzler Fred Sinowatz zu Gast in Neusiedl.

BVZ

Was das Hallenbad zu dieser Zeit für die Neusiedler Bevölkerung bedeutet, lässt sich heute nur noch durch Erzählungen und Fotos aus den 1970er-Jahren erahnen. Der Neusiedler Architekturstudent Lukas Malli hat sich für seine Masterarbeit intensiv mit der Geschichte des Bades beschäftigt und beschreibt für die BVZ die historische Bedeutung des Gebäudes: „Die allgemeine Idee der Nachkriegsarchitektur war, dass nicht mehr von Herrschern für Herrscher gebaut wird, sondern für die Bevölkerung. In den Siebzigern war die Idee des Körperkultes und des Sports das Gebot der Stunde. Die Idee war, einen Fitness-Tempel für die Neusiedler Bevölkerung zu errichten.“

“Der Bäderbau war damals sehr modern ausgerichtet. Es entsprach dem Zeitgeist der 70er Jahre, auf neue Weise zu bauen, neue Dinge auszuprobieren.“ Architekturstudent Lukas Malli

Bereits im Jahr 1973 beschließt der Neusiedler Gemeinderat, einen Ideenwettbewerb zur Gestaltung des Hallenbades auszuschreiben. Der futuristische Entwurf der Architekten Stelzer & Hutter im Stil des Brutalismus entspricht der Aufbruchsstimmung dieser Ära: „Der Bäderbau war allgemein damals sehr modern ausgerichtet. Es entsprach dem Zeitgeist der 70er-Jahre, auf neue Weise zu bauen, neue Dinge auszuprobieren. In der damaligen Zeit war das Hallenbad ein absolut futuristisches Gebäude. Dass seit 1978 an dem Haus im Wesentlichen nichts geändert wurde, ist heute aus denkmalpflegerischer Sicht sehr interessant. Für den Funktionswert und das Ansehen in der Bevölkerung wird das aber leider wiederum als Nachteil empfunden. Hier entsteht ein Zwiespalt“, spielt Lukas Malli auf die aktuellen Debatten rund um den Denkmalschutz für das Hallenbad an.

Prestigeprojekt. In Printmedien wurde österreichweit mit dem Sujet „Neusiedl am Hallenbad“ geworben. Das Bad bescherte dem Fremdenverkehr in der Stadtgemeinde Ende der 70er-Jahre ein kräftiges Plus.
BVZ

Erscheint das Bad heute vielen veraltet, so war es in manchen Belangen seiner Zeit weit voraus, wie Lukas Malli ausführt: „Ende der Siebziger war es in Mode, viel mit Rampen zu bauen – was dem Gebäude heutzutage beim Thema Barrierefreiheit zugutekommt. Man müsste nur eine Stiege ändern, dann käme man barrierefrei in jedes Becken.“

Was viele nicht mehr wissen: Das Hallenbad war bei seiner Eröffnung 1977 nur als ein erster Teil eines weitaus größeren „Erholungszentrums“ geplant. Zusätzlich zum Hallenbad, dem dazugehörigen Restaurant und dem Außenbereich mit der Hallenbad-Arena hätte später noch ein Kongresszentrum, das auch als Mehrzweckhalle gedient hätte, gebaut werden sollen. Daraus sollte ebenso nichts werden wie aus den Schlammbädern. „Dem Schlamm aus dem Neusiedlersee wurde eine heilende Wirkung nachgesagt. Bei einer Untersuchung hat sich aber herausgestellt, dass der Schlamm genau null heilende Eigenschaften hat“, schmunzelt Lukas Malli.

Kampagne: „Neusiedl am Hallenbad“

Bei seiner Eröffnung im Jahr 1977 ist das Hallenbad aber auch ohne Schlammbad absolut „state of the art“: modern, architektonisch beeindruckend und auf dem Letztstand der Technik. Gäste aus ganz Österreich werden mit einer Werbekampagne mit dem Titel „Neusiedl am Hallenbad“, durchaus mit Erfolg, angelockt.

Das neue Bad bringt frischen Wind und vor allem touristischen Aufwind in die Stadtgemeinde. Der Tourismus ist nun nicht mehr nur vom See und Schönwetter abhängig.

Und auch der Schwimmsport gewinnt dank des Hallenbades in der Region an Bedeutung. Im Laufe der Jahrzehnte lernen tausende Schulkinder, ebenso wie einige künftige Spitzensportler, hier das Schwimmen.