Jüdische Friedhöfe im Bezirk: Einsam und verlassen. Ausgehend von Besuchen auf den jüdischen Friedhöfen des Bezirks Neusiedl blickt die BVZ auf die jüdische Geschichte in den Gemeinden Frauenkirchen, Gattendorf und Kittsee.

Von Norbert Aichhorn. Erstellt am 17. November 2019 (06:11)

Der jüdische Friedhof in Frauenkirchen liegt, durch eine Steinmauer von der Bundesstraße getrennt, an der Stadtausfahrt Richtung Süden. Den Torschlüssel bekommt man unkompliziert im Rathaus. Eine Unterschrift in der Ausgabeliste genügt.

Der etwa 3000 Quadratmeter große, im Eigentum der Israelitischen Gemeinde in Wien stehende Friedhof präsentiert sich bestens gepflegt in der Herbstsonne. Die Stadtgemeinde hält ihn in ihrem Auftrag instand, nachdem 2014 vom Verein Re.F.U.G.I.S. eine Sanierung von Grund auf durchgeführt wurde. Dieser Grünfläche könnte man fast schon Golfrasenqualität zubilligen.

1938: Kahlschlag, von dem sich Gemeinde nie erholt hat

Man spürt das Bemühen der Stadt, ihn immer bestens gepflegt erscheinen zu lassen. Die Grabsteine sind ohne Blumenschmuck und ohne Grabeinfassung, wie es die Religion vorschreibt. Fast alle Grabinschriften sind auf Hebräisch. Viele sind stark verwittert, gehen doch die Anfänge auf das Jahr 1678 zurück. Damals lebten wahrscheinlich 29 jüdische Familien im Ort. 1876 erreichte die Gemeinde mit 854 Juden ihren zahlenmäßigen Höhepunkt. Durch Abwanderung waren es 1934 nur mehr 386.

Nach dem Anschluss 1938 wurden auch sie innerhalb weniger Wochen brutal vertrieben. Ein Kahlschlag, von dem sich die jüdische Gemeinde nie mehr erholt hat, sie hörte nach mehr als 260 Jahren auf zu existieren.

Am 9. November jährten sich die Novemberpogrome zum 81. Mal. Die Vertreibung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch die Nationalsozialisten radikalisiert und systematisiert. Doch schon viele Tage zuvor erklärte Gauleiter Tobias Portschy, der die nationalsozialistische-antisemitische Politik besonders schnell und brutal durchsetzte, stolz, dass das Burgenland als erster Gau im „Reich“ schon „judenfrei“ sei. So war es auch in Frauenkirchen.

Gedenkstätte erinnert an jüdische Gemeinde

Nach dem 2. Weltkrieg kam nur mehr Paul Rosenfeld zurück. Er nahm den Getreidehandel seines Vaters wieder auf, er verstarb 2003. Von den Vertriebenen lebt heute niemand mehr in der Stadt. Seit 2014 erinnert eine Gedenkstätte am Tempelplatz an die einst lebendige jüdische Gemeinde in Frauenkirchen. Ortswechsel. In Gattendorf liegt der jüdische Friedhof außerhalb des Ortes. Ein Trupp Goldfasane hat sich diesen Ort offenbar als Refugium ausgesucht. Der rund 2.000 Quadratmeter große, wahrscheinlich seit 1739 bestehende Friedhof wird im Auftrag der Israelitischen Gemeinde von einer externen Firma zwei oder dreimal im Jahr gepflegt.

Die Pachturkunde aus dem Jahr 1739 ist erhalten geblieben. Etwa 50 Grabsteine stehen noch. Jene aus Sandstein sind schon sehr verwittert. Der Rasen ist schon etwas uneben. Auch hier werden seit der Vertreibung der Juden durch die NS-Machthaber 1938 keine Beerdigungen mehr durchgeführt. Einst eine blühende Gemeinde, nachweisbar seit 1736 und 1857 am Höhepunkt der Entwicklung mit 206 Mitgliedern; 1938 wurde die aus 20 Mitglieder bestehende Gemeinde innerhalb weniger Wochen vertrieben.

Durch Enteignungen und Berufsverbote wurde den jüdischen Bewohnern die Lebensgrundlage entzogen. Manche emigrierten bis nach Argentinien und kamen nach 1945 in ihre alte Heimat nur mehr selten auf Besuch.

Bestens beschrieben wird auf 330 Seiten die Geschichte der Juden von Gattendorf im sechsten Band der „Gattendorfer Rückblicke“, der auf dem Gemeindeamt erhältlich ist.
Die Synagoge hat die NS-Zeit fast unbeschädigt überstanden. Zum Verhängnis wurde ihr ein 1972 vom Bundesdenkmalamt erlassener Bescheid, der dieses 1860 errichtete Gebäude als nicht schützenswertes Kulturgut eingestuft hat. 1996 wurde sie abgerissen. Heute wächst an dieser Stelle Gras, nichts deutet mehr auf die einstige Synagoge hin.

Kittsee: Als Gesamtensemble unter Denkmalschutz

Der jüdische Friedhof in Kittsee ist nicht einfach zu finden. Ein Hinweisschild zum Friedhof gibt es nicht. Er liegt am Ende einer Sackgasse, von einer Steinmauer eingefasst, im Schatten hinter dem Alten Schloss. Das Gelände dort wirkt fast schon hügelig. Viele der 230 Grabsteine sind hier stark verwittert, manche stehen bedenklich schief oder sind witterungsbedingt bereits umgestürzt. Etwa 150 sind noch lesbar. Auch die der Rabbiner, sodass die kontinuierliche Reihenfolge der Rabbiner von Kittsee vom 17. Jahrhundert bis 1938 erhalten geblieben ist.

Heute ist er der einzige Friedhof Österreichs, der als Gesamtensemble unter Denkmalschutz steht.

Auf Ersuchen der Israelitischen Kultusgemeinde, die auch hier Eigentümer ist, wird das Gras drei- oder viermal im Jahr von der Gemeinde gemäht. Mehr sei aus Zeit- und Budgetgründen seitens der Gemeinde nicht möglich, heißt es am Gemeindeamt. Gerne vermittle die Gemeinde aber Interessierten den Kontakt zur ehemaligen Hauptschuldirektorin Irmgard Jurkovich, die sich seit Jahrzehnten mit großem Einsatz um die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte von Kittsee bemüht.

1648 lassen sich jüdische Kaufleute erstmals in Kittsee nachweisen. Sie standen immer in regem Austausch mit der wenige Kilometer entfernten Stadt Pressburg. 1766 wurden schon 266 Juden gezählt. 1821 wurde der Höchststand von 789 jüdischen Bewohnern erreicht, 1878 die Synagoge eingeweiht. Durch Auswanderung sank aber der Anteil der jüdischen Bewohner stetig.

Beim Anschluss im März 1938 lebten noch 60 Juden in Kittsee. Sie wurden innerhalb weniger Wochen von den NS-Behörden äußerst brutal vertrieben, ihr Besitz enteignet.
Am Platz der ehemaligen Synagoge steht heute eine große, offene Garage, in der landwirtschaftliche Geräte untergestellt sind. Außen ist an der unverputzten Mauer aus Betonziegeln eine von der Gemeinde angebrachte Gedenktafel zu sehen, die auf das Schicksal der jüdischen Gemeinde hinweist.

Das sind die letzten Spuren der einst lebendigen jüdischen Gemeinde von Kittsee.