Der letzte Fassbinder des Landes. Karl Roll betreibt in St. Andrä am Zicksee ein selten gewordenes Handwerk. Er produziert in aufwändiger Handarbeit Eichenfässer.

Von Norbert Aichhorn. Erstellt am 06. September 2020 (04:55)
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Fassbinder
Norbert Aichhorn

In einer kleinen Werkstatt im Hinterteil eines Hauses in der Seestraße wird ein mittlerweile rares Gewerbe betrieben: eine Fassbinderei.

Dort werkt einer, der von Kindesbeinen an nichts anderes kannte, als seinem Vater beim Fassbinden zuzusehen: Karl Roll schwärmt heute noch: „Ich ging bei meinem Vater in die Lehre und er war der beste Lehrmeister, den man sich wünschen konnte.“

Holz spielte in der Familie schon immer eine große Rolle. Rolls Großvater baute als Wagnermeister in Andau jahrzehntelang Holzanhänger für Pferdefuhrwerke. Rolls Vater übersiedelte nach St. Andrä am Zicksee, wechselte vom Anhängerbau zur Fassbinderei und gründete 1963 die heute noch bestehende Firma, die Karl Roll junior führt. Nach Abschluss seiner dreijährigen Fassbinder-Lehre folgten für ihn einige Wanderjahre als Geselle bei anderen Firmen ehe er als 30-Jähriger 1993 die Fassbinderei von seinem Vater übernahm.

Winzer setzten wieder auf Holz

„Jedes Fass ist ein Unikat“, beschreibt der 57-Jährige seine Firmenphilosophie, „es wird liebevoll von Hand produziert.“

Die Fassgröße schwankt zwischen 50 und 5.000 Liter, je nach Kundenwunsch. Karl Roll verwendet nur Trauben- und Stieleichen zum Fassbau. Der astreine Stamm muss gerade gewachsen sein und keine sichtbaren Schäden aufweisen. Eichen wachsen sehr langsam, sind sehr stabil und die daraus erzeugten Fässer haben eine Lebenszeit von etwa 80 bis 100 Jahren. Langlebigkeit steht im Vordergrund und gewinnt wieder an Bedeutung.

Das war nicht immer so. Holzfässer waren in den 80er-Jahren immer weniger gefragt. Polyester- und Edelstahltanks hielten Einzug und verdrängten ein Jahrhunderte altes Handwerk. Immer mehr Fassbinder legten ihr Gewerbe zurück.

Karl Roll blieb als Einziger seiner Zunft seiner Linie treu. Parallel zur klassischen Holzfasserzeugung werden im Betrieb nun auch Edelstahltanks mit bis zu 20.000 Liter Fassungsvermögen gefertigt, um alle Kundenwünsche erfüllen zu können.

Die Wende setzte vor etwa 25 Jahren ein. „Eine junge Generation von Winzern begann, sich wieder auf die fast verloren gegangene Tradition des Holzfassbaues zu besinnen“, beschreibt Karl Roll den neuen Trend, „meine Fässer und mein Handwerk waren plötzlich sehr gefragt.“ Die Nachfrage begann wieder zu steigen. Handgefertigtes aus der Region ist wieder in Mode gekommen. Auch die Winzer im Seewinkel bevorzugen jetzt wieder regionales Handwerk und bestellen Fässer bei ihm.

Produktion erfordert Zeit und Geduld

Viel Geduld ist beim Produktionsprozess jedenfalls gefragt. Das Eichenholz wird in Pfosten geschnitten angeliefert und muss zunächst einmal fünf Jahre im Freien lufttrocknen. Die Produktionsplanung hat also eine entsprechend lange Vorlaufzeit.

Dann erst beginnt die eigentliche Arbeit. Die drei bis fünf Meter langen Pfosten werden je nach Fasshöhe auf ein bis zwei Meter zurechtgeschnitten. Die Breite richtet sich nach der Dicke des Stammes. Die so entstehenden Holzstücke werden Dauben genannt. Mit Hilfe von Holzfräse und Hobelmaschine werden diese Dauben so zurechtgeschnitten, dass die für Holzfässer typische Krümmung entsteht. „Hier ist Millimeterarbeit gefragt“, erklärt Karl Roll die Detailarbeit, „ein Fehlschnitt kann nicht mehr korrigiert werden.“

Entgegen der landläufigen Meinung werden die Dauben nicht zusammengeklebt sondern mit Metallreifen vorerst provisorisch zu einem Fass fixiert. Es hat aber noch keinen Boden und keinen Deckel. In einem kleinen Eisenkorb wird nun ein Feuer entzündet und darüber wird das Fass gestellt. Das Feuer brennt nun im Fassinneren. Die Dauben werden außen angefeuchtet, die Hitze im Inneren macht das Fass elastisch. Jetzt wird es in seine endgültige Form gebracht. Die Metallreifen werden fixiert. Dieser Prozess dauert etwa drei Stunden und entscheidet über das Gelingen.

Dann werden Deckel und Boden aufgesetzt. Der Deckel bekommt ein Spundloch zum Befüllen. Am Fassboden wird ein Ablasshahn eingefügt. Einschließlich der Zuschneidearbeit dauert der gesamte Produktionsprozess eines Fasses etwa eine Woche.

Höchste Qualität durch Eichenholz

Einige dieser Fässer befüllt Karl Roll mit der Ernte seines eigenen, etwa drei Hektar großen Weingartens. Die Weingartenarbeit und seine Tätigkeit als Jagdleiter von St. Andrä sind ein willkommener Ausgleich zu seinem Gewerbe. Das Interesse an dem Handwerk des Fassbinders ist jedenfalls wieder am Steigen. Verstärkt melden sich auch Schulen zur Betriebsbesichtigung an. Wer jetzt Fassbinder werden möchte, für den gibt’s auf der Homepage www.fassbinderei.at weitere Details.