Wilde Jagd am Rad – mit üblem Ende. E-Biker bremste abrupt, Radfahrer stürzte und brach sich das Schlüsselbein.

Von Elisabeth Kirchmeir. Erstellt am 14. September 2019 (05:29)
Werner Müllner
Das Justizzentrum Eisenstadt.

Filmreife Szenen spielten sich am 15. Juli 2018 in Neusiedl ab: Vorne radelte ein heute 57-jähriger E-Bike-Fahrer, hinter ihm trat ein 46-jähriger Wiener in die Pedale seines stromlosen Fahrrades.

Immer wieder rief er: „Haltet den Dieb!“

Ein Wiedersehen gab es vorige Woche am Gericht: Der 57-Jährige musste sich wegen des Vorwurfs der Nötigung und schweren Körperverletzung verantworten.

Was war passiert?

Der 57-Jährige behauptete, ihm sei auf der Fahrt auf der Seestraße stadteinwärts in einem Kreuzungsbereich der Vorrang genommen worden. Der 46-Jährige habe vor ihm telefonierend den Radweg gequert.

„Ich bin auf die Fahrbahn raus und wäre fast überfahren worden!“, berichtete der Angeklagte.

Er habe den Radfahrer dann verfolgt und ihm das Headset vom Kopf gerissen.

Der 46-Jährige widersprach dieser Schilderung. Er sei in derselben Richtung wie der E-Bike-Fahrer unterwegs gewesen, habe rechts abbiegen wollen und in diesem Moment habe der E-Bike-Fahrer rechts zum Überholen angesetzt. „Er begann mich zu schimpfen“, berichtete der Wiener. Als ihm der E-Bike-Fahrer dann noch den Kopfhörer herunterriss, habe es ihm gereicht. In der Annahme, ihm sei das Headset gestohlen worden, setzte er zur Verfolgung an.

Die beiden Männer umkreisten das Neusiedler Hallenbad. Mindestens „hundert Mal“ habe er den vermeintlichen Dieb zum Anhalten aufgefordert, berichtete der Wiener.

Einige Jugendliche beteiligten sich wegen der „Haltet den Dieb“-Rufe ebenfalls an der Verfolgungsjagd.

E-Biker: „Mir lief eine Katze über den Weg“

„Da ist mir leider eine Katze über den Weg gelaufen, ich habe scharf gebremst“, behauptete der 57-Jährige.

Der Wiener krachte in das E-Bike, stürzte und blieb mit einem dislozierten Schlüsselbeinbruch, der später operativ eingerichtet werden musste, liegen.

„Da müssen wir jetzt die Katze einvernehmen“, scherzte der Angeklagte.

„Die Jugendlichen sagen, dass sie keine Katze sahen“, warf Richterin Birgit Falb ein. Außerdem habe der E-Bike-Lenker vor Ort behauptet, ein Igel habe ihn zum Abbremsen gebracht.

„Sie waren alkoholisiert!“, hielt dem Richterin dem Angeklagten vor. „0,9 Promille, was ich sehr bezweifle“, kommentierte der Angeklagte diesen Vorwurf.

Er gab aber zu, überreagiert zu haben. Dazu neige er im Affekt, er sei deswegen auch in Behandlung.

Die Richterin befragte einen der fünf Jugendlichen, die sich am 15. Juli des Vorjahres ebenfalls an die Fersen des Angeklagten geheftet hatten. „Der Vordere bremste ab, den Hinteren hat es überschlagen. Ein Tier sah ich nicht“, berichtete der junge Mann.

„Nehmen Sie sich bitte die beiden nicht als Vorbild für Ihr Verhalten im Straßenverkehr“, gab die Richterin dem 15-jährigen Schüler noch mit auf den Weg.

„Diese Geschichte erinnert mich sehr an Karl May: der Schatz im Neusiedler See. So hat sich das nicht zugetragen“, trumpfte der Angeklagte abschließend auf.

Richterin Birgit Falb verurteilte den Mann zu neun Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. An den Wiener muss er 1960 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz bezahlen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.