Bezirk Oberpullendorf: Mann gab Gas und fuhr in Gruppe. 23-Jähriger gab Gas und fuhr dreimal auf Menschen zu. Er wurde zu 24 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, davon acht unbedingt.

Von Elisabeth Kirchmeir. Erstellt am 26. November 2020 (05:55)
Symbolbild
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Das Handyvideo, das den Schöffen bei einer Gerichtsverhandlung vorige Woche gezeigt wurde, schockiert: Man sieht junge Leute nachts plaudernd auf einem Gehsteig stehen. Plötzlich hört man Reifen quietschen und sieht, wie ein Auto von der Straße direkt auf die Gruppe zuhält. Die Menschen sind völlig perplex, ein junger Mann wird vom Auto angestoßen, stolpert nach hinten, wird von einem anderen aufgefangen.

Das Auto fährt ein weiteres Mal an. Wie sich die dicht davor Stehenden in Sicherheit bringen, ist nicht genau zu erkennen, aber irgendwie gelingt es ihnen, den Weg frei zu machen, das Auto fährt mitten durch die Gruppe. Der Vorfall hatte sich am 3. Juli 2020 im Bezirk Oberpullendorf ereignet. „Der Angeklagte drehte um und fuhr ein weiteres Mal auf drei Personen zu und stieß sie um“, berichtete die Staatsanwältin. Dann habe der Lenker noch einmal reversiert und sei wieder auf die Menschen losgefahren. Drei junge Männer wurden bei der gefährlichen Aktion verletzt.

Weiterer Vorfall: Faustschläge für Lenker

Dem 23-jährigen Angeklagten, der damals am Steuer saß, wurde noch ein weiterer Vorfall vorgehalten. Bereits am 6. Juni 2020 war er einem 20-jährigen Lenker wutentbrannt nachgefahren, weil dieser aus Rücksicht auf eine Person am Straßenrand im Ortsgebiet gebremst hatte. „Ich wollte wissen, was er von mir wollte“, erklärte der Angeklagte.

„Kann es sein, dass Sie alles im Leben auf sich beziehen?“, wunderte sich Richterin Birgit Falb. „Er fuhr mir nach, blinkte mit der Lichthupe und schrie aus dem Auto heraus“, berichtete der 20-Jährige. Als er links abbiegen wollte, habe ihn der Angeklagte links überholt und sei unmittelbar vor ihm stehen geblieben. „Ich habe wild abgebremst“, sagte der 20-Jährige.

Der Angeklagte sei ausgestiegen, habe ihn durchs geöffnete Fenster am Hals gepackt und ihm mehrere Faustschläge verpasst. „Es gelang mir irgendwie, das Fenster zu schließen“, so der 20-Jährige. Seine Freundin, die im Auto saß, habe die Polizei verständigt. Beim Wegfahren habe der Angeklagte noch auf das Auto getreten und einen Schaden von 300 Euro verursacht. „Geschlagen habe ich ihn nicht“, behauptete der Angeklagte. „Ich habe nur mit ihm reden wollen.“ Die Richterin erinnerte ihn daran, dass neben dem 20-Jährigen noch drei weitere Personen im Auto gesessen seien: „Die waren geschockt!“. Außerdem gebe es eine Verletzungsanzeige aus dem Spital, das der 20-Jährige nach dem Vorfall aufgesucht hatte.

Auch den Vorfall am 3. Juli relativierte der Angeklagte: „Ich bin nicht gezielt reingefahren, bin nur auf den Gehweg raufgefahren. Es waren dann auf einmal viel zu viele Menschen rund ums Auto.“ „Es gibt ein Video!“, erinnerte die Richterin den Angeklagten. Vor der Wahnsinnstat hatte eine Schlägerei stattgefunden. „Daran war ich nicht beteiligt“, sagte der Angeklagte, möglicherweise sei jedoch sein Bruder dabei gewesen.

„Selbst wenn Ihr Bruder dort in eine Schlägerei verwickelt ist, dürfen Sie in keine Menschenmenge fahren!“, ermahnte die Richterin den Angeklagten. „Ich hatte keine schlechte Absicht“, sagte der 23-Jährige. „Das Schlimme ist, dass Sie dann noch ein zweites und drittes Mal anfuhren!“, hielt ihm die Richterin vor. „Das weiß ich nicht“, meinte der Angeklagte.

Alkoholisiert war er an diesem Abend jedenfalls nicht gewesen: Der Alkomattest hatte nur 0,08 Promille ergeben. Bevor er dreimal in die Menschengruppe gefahren war, soll der Angeklagte eine Flasche aus seinem Auto geholt und auf einen 27-jährigen Mann geworfen haben. „Die Flasche traf mich an den Rippen“, berichtete dieser. Kurz vorher sei er von dem Angeklagten und einem zweiten Mann zu Boden geschlagen worden. Wenig später befand sich der 27-Jährige in jener Gruppe, in die der Angeklagte sein Auto lenkte. Er wurde wie auch zwei weitere Männer niedergestoßen und verletzt. „Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen?“, fragte die Richterin. „Es war schon extrem“, antwortete der 27-Jährige.

Antigewalttraining nicht besucht

Der Angeklagte hätte eigentlich nach einer Verurteilung im September 2019 ein Anti-Gewalttraining machen sollen. Damals war er vor Gericht gestanden, weil er aus dem Fenster eines fahrenden Autos mit einer Schreckschusspistole drei Schüsse auf eine Person abgegeben hatte. Ihr Klient habe das angebotene Training nicht besucht, weil er so viel arbeiten habe müssen, so die Bewährungshelferin. Die Richterin bedauerte, dass der Angeklagte die Chance nicht genutzt und nichts aus seinem Fehlverhalten gelernt habe. „Es ist für mich vorstellbar, dass er Stress hat und nicht adäquat entscheiden kann“, meinte die Bewährungshelferin.

Erst nach langwieriger Befragung konnte sich der Angeklagte zu einem vagen Geständnis durchringen: „Okay, dann sage ich: Ich bin zugefahren…“ Er wurde im Sinne der Anklage wegen absichtlich schwerer Körperverletzung im Versuchsstadium, Körperverletzung, Nötigung, Sachbeschädigung und Gefährdung von Personen zu 24 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, davon acht Monate unbedingt. Das Urteil ist rechtskräftig. Den Opfern wurden insgesamt 1.400 Euro Schadenersatz und Schmerzensgeld zugesprochen.