Einbruch und Diebstahl: Coups wie im Krimi. Eine rumänische Bande stieg im Bezirk Oberwart in Getränkelager und bei Telekom-Firma ein. Spirituosen um 64.000 Euro und 4500 Handys im Wert von 3,3 Millionen Euro gestohlen

Von Elisabeth Kirchmeir. Erstellt am 19. November 2020 (03:27)
Symbolbild
Von Jaromir Chalabala, Shutterstock.com

Vier Rumänen im Alter zwischen 28 und 55 Jahren standen vorige Woche vor Gericht. Sie gehörten einer Einbrecherbande an, auf deren Konto zwei spektakuläre Coups gingen. Es handle sich, wie Staatsanwalt Christian Petö betonte, nicht um „08/15 Taten“, sondern um eine hochprofessionelle Vorgangsweise, wie man sie aus Filmen kenne. Am 2. Juni 2019 waren die Täter auf das Dach einer Lagerhalle im Bezirk Oberwart geklettert. Sie zwickten mit einem Bolzenschneider ein Eisengitter durch und öffneten eine Lichtkuppel. Sie stiegen über die Öffnung in die Lagerhalle ein und verschafften sich einen Überblick über die Alarmanlage und die in der Halle gelagerten, teure Spirituosen.

Am Pfingstwochenende kamen die Täter ein weiteres Mal. Sie stiegen am 8. Juni 2019 in die Halle ein und zogen mithilfe einer Seilwinde Spirituosen im Wert von 64.271 Euro aufs Dach. Das dauerte einige Stunden lang. In der nächsten Nacht wurden die Flaschen abtransportiert und in ein eigens angemietetes Lager in Bad Vöslau gebracht.

Einer der Täter, ein 33-jähriger Vater von drei minderjährigen Kindern, fotografierte seinen 28-jährigen Komplizen inmitten der Kartons mit den teuren Getränken. Drei der Angeklagten waren an diesem Coup beteiligt gewesen. Ein vierter Komplize ist noch flüchtig. 1.800 Euro habe er bekommen, sagte der in Wien ansässige 33-jährige Angeklagte. „Ich habe immer brav gearbeitet“, beteuerte der Maler. „Ich wollte, dass ich mehr verdiene, aber das hat nicht geklappt.“

Ein weiterer, 34-jähriger Komplize, Physiotherapeut mit Wohnsitz in Niederösterreich, gab vor Gericht an, für seinen Beitrag 1.300 Euro erhalten zu haben. Der 28-jährige Angeklagte gab zu, 12.000 Euro für den Getränkediebstahl kassiert zu haben. Im November 2019 wurden Vorbereitungen für den nächsten Coup getroffen. Zu diesem Zeitpunkt war die Polizei der Bande bereits auf den Fersen.

Sicherheitsstandards überwunden

Trotzdem konnte der spektakuläre Einbruch in ein Lager eines Telekommunikations-Anbieters nicht verhindert werden.

An dieser Tat war der 28-jährige, zuvor in der Hotellerie in Wien beschäftigte Angeklagte direkt beteiligt. Ein weiterer, 55-jähriger Angeklagter half möglicherweise erst beim Verladen des Diebguts mit.

Wie die Täter es schafften, die hohen Sicherheitsstandards dieses Lagers zu überwinden, stellt die Ermittler vor ein Rätsel. Hochwertige Kamerasysteme, bewegungsempfindliche Zäune und Bewegungsmelder sollten eigentlich eine Tat, wie die am 8. Dezember 2019 begangene, verhindern.

„Sie wussten genau, wo sie hinein müssen“, berichtete einer der Ermittler. „So etwas haben wir noch nie gehabt!“

Die Außenhaut des Gebäudes sei außergewöhnlich streng gesichert gewesen. Vermutet wird, dass die Bande mit einem Insider kooperierte, der Betriebsgeheimnisse weitergab.

Aufgrund der Auswertung der Bewegungsdaten ist bekannt, dass sechs Verdächtige am 6. November 2019 den Tatort auskundschafteten. Am Tag der Tat kletterten die Täter aufs Dach der Lagerhalle, brachen eine Dachluke auf und überwanden 17 Meter Höhenunterschied bis auf den Boden der Halle. Am Dach der Lagerhalle wurden Abdruckspuren von sechs verschiedenen Schuhen gefunden.

Mittels Seilzügen und Seilrutschen holten die Täter 4.500 hochpreisige Mobiltelefone aus der Halle. Die Beute wog rund 1,9 Tonnen und hatte einen Wert von 3,3 Millionen Euro. Am Tatort blieben ein 200 m langes Seil, viele Karabiner und etliche Transporttaschen zurück. In einer Halle in Korneuburg wurden die Handys verladen und abtransportiert.

DNA-Spuren in Lagerhalle gefunden

Verräterische Gegenstände mit DNA-Spuren konnten von den Tätern nicht mehr rechtzeitig aus der Halle entfernt werden. Weil der Hallenbesitzer kein Geld bekommen hatte, wechselte er das Schloss zur Halle aus – der Bande war der Zutritt verwehrt.

Erst am 1. April 2020 fand die Polizei den Umschlagplatz und stellte in der Lagerhalle Kleidungsstücke und andere Gegenstände sicher. Etliche DNA-Treffer wiesen darauf hin, dass sich der 55-Jährige in der Halle aufgehalten hat.

Der 28-Jährige war am 9. Dezember 2019 am Grenzübergang Nickelsdorf aufgehalten worden. Der 28-Jährige wurde per internationalem Haftbefehl festgenommen und war seit 28. Februar in Untersuchungshaft. Die rumänische Polizei stellte im Haus, das dem Vater der Lebensgefährtin des 28-Jährigen gehört, 24.000 Euro sicher. Nach zwei weiteren Beteiligten wird noch gefahndet.

Der 33-jährige und der 34-jährige Angeklagte wurden für ihre Beteiligung am Spirituosen-Diebstahl zu 14 bzw. 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Fünfeinhalb Jahre Haft für 28-Jährigen

Der 28-Jährige, der an beiden Coups beteiligt war, muss fünfeinhalb Jahre Haft verbüßen – dieses Urteil ist rechtskräftig.

Der 55-jährige Angeklagte wurde wegen Hehlerei zu vier Jahren Haft verurteilt. Sein Anwalt kündigte eine Berufung wegen der Strafhöhe an.

Außerdem wurden der 28-Jährige und der 55-Jährige verurteilt, „binnen 14 Tagen“ 3,3 Millionen Euro an die Telekommunikationsfirma zu bezahlen. Auch dagegen will der Anwalt des 55-Jährigen ein Rechtsmittel einbringen.