Schermann: Qualität ist seine Profession. Nikolaus Schermann, ehemaliger Direktor der EMS Oberwart, folgte Alfred Lehner als Schulqualitätsmanager für die Bildungsregion Oberwart-Oberpullendorf.

Von Carina Fenz und Dorothea Müllner-Frühwirth. Erstellt am 16. September 2020 (13:21)
Dekretverleihung in der alten Wirkungsstätte der Mittelschule Oberwart. Bundesminister Heinz Faßmann und Bildungsdirektor Heinz Zitz mit dem neuen Schulqualitätsmanager Nikolaus Schermann.  
Daniel Fenz

BVZ: Nach einem Abstecher in die Politik und wieder zurück an die Schule, gehen Sie jetzt wieder einen neuen Weg. Warum haben Sie sich entschieden, den Posten des SQM anzutreten?

Klaus Schermann: Nach 30 Jahren im Schuldienst und nach 16 Jahren als Schulleiter der EMS Oberwart sehe ich meine Chance darin, das Bildungssystem mitzugestalten und weiterzuentwickeln.

BVZ: Sie sind schon lange als Pädagoge tätig. Was waren für Sie die wichtigsten Entwicklungen in dieser Zeit?

Schermann: Der Start des Schulversuchs „Europäische Mittelschule“, die Implementierung einer professionellen Nachmittagsbetreuung an der EMS und die Einrichtung eines mittleren Management, das im Bereich der Schulentwicklung und beim überdurchschnittlichen Abschneiden bei externen Überprüfungen Verantwortung übernommen hat, aber auch die Einführung der NMS sowie das Konzept ‚Schule der Zukunft‘ im Zuge der Schulautonomie, wo es Kooperationen mit der regionalen Wirtschaft und anderen Schulen gibt.

BVZ: Skizzieren Sie ihre Aufgaben als SQM.

Schermann: Darauf zu achten, dass adäquate regionale Bildungsangebote vorhanden und optimal aufeinander abgestimmt sind, um allen Schülern — unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Familiensprache, Begabung oder Beeinträchtigung — durchgängige Bildungswege zu ermöglichen. Die pädagogische Qualität über Schulstandort oder Schulcluster hinaus zu verbessern. Die Übergänge zwischen elementarpädagogischen Einrichtungen, Schulstufen und Schularten evidenzbasiert zu analysieren und fließend zu gestalten. Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und regionalem Umfeld – anderen Bildungs- und Beratungseinrichtungen, dem Arbeitsmarktservice, Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens, der Kinder- und Jugendhilfe, Initiativen der Zivilgesellschaft – so zu gestalten, dass das Potenzial von Interessen, Begabungen und Talenten, aber auch Unterstützungs- und Förderbedarf von Schüler/innen institutionsübergreifend bestmöglich erkannt und strukturierte sowie flexible regionale Angebote entwickelt werden können. Den Bedarf zur Entwicklungsbegleitung von Schulen und Professionalisierung von Pädagogen auf regionaler Ebene festzustellen und Anregungen zur Schaffung von Angeboten zu machen.

BVZ: Wie gestaltete sich das Arbeiten in der schwierigen Corona-Zeit und was waren die größten Herausforderungen? Wie gut haben die Schulen im Bezirk die Corona-Krise durchschifft?

Schermann: Momentan versuchen wir, Schülern das Gefühl von Sicherheit und Normalität zu vermitteln. Dabei werden Schulleiter von einem Krisenteam und den Vorgaben der Behörde unterstützt. Distance-Learning fordert Schüler, Eltern und Lehrer in hohem Maße – aber es funktioniert. Das Burgenland ist Vorreiter in Sachen E-Learning. Eine große pädagogische Aufgabe sehe ich darin, die Chancen nicht nur in der Digitalisierung zu sehen, sondern diese Entwicklung stets unter pädagogischen Aspekten abzuklopfen.

BVZ: Mit dem heutigen Erfahrungs- und Wissensstand: Was hätte man während der corona-bedingten Schulschließungen besser machen können? Und was lief reibungslos?

Schermann:  Mit dem heutigen Wissenstand können wir professioneller an die Problematik herangehen. Das System hat die Erfahrungen und die Wissenschaft genutzt. Die Corona-Ampel, die Installierung von Krisenteams und die flankierenden Maßnahmen sind gute Möglichkeiten, um auf individuelle Schulsituationen einzugehen. Bewegung und Sport ist jetzt in allen Ampelphasen möglich. Das finde ich als Vertreter der „Täglichen Bewegungs- und Sporteinheit“ enorm wichtig. Überraschend reibungslos hat die Umstellung auf „Distance Learning“ funktioniert. Das zeigt wie flexibel Kinder, Eltern und Pädagogen sind.

BVZ: Im Pilot-Bildungsnetzwerk arbeiten alle Schultypen und Vertreter der Wirtschaft sowie der Unternehmen zusammen. Das ist in dieser Form einzigartig im Burgenland. Wie sieht die Zukunft der Bildungsnetzwerke aus?

Schermann: In den letzten Jahren war es mir besonders wichtig, unseren Schülern Einblicke in die Lebens- und Berufswelt zu eröffnen. So pflegen wir engen Kontakt zur Wirtschaft und zu den verschiedenen Institutionen (IV, AMS, BFI, AK), die aktiv im Schulalltag unterstützen beziehungsweise einen wesentlichen Beitrag zur Schulentwicklung leisten. Wir arbeiten gemeinsam an Projekten und bieten Praktika an. Schule braucht Wirtschaft und Wirtschaft braucht Schule. Es ist deshalb wichtig, konsequent eng miteinander zu kooperieren. Mir ist es wichtig, diese Bildungsnetzwerke auszubauen, da ich als Schulleiter ein wichtiger Motor war.

BVZ: Wo sind neue Clusterschulen geplant?

Schermann: Momentan sind keine neuen Cluster geplant.

BVZ: Wie wichtig ist es, Schulen autonome Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen und wie wollen Sie das forcieren?

Schermann: Die Anforderungen an Schulen werden immer größer. Alles ist in Veränderung, und Schulen müssen sich dieser stellen. Das funktioniert am professionellsten, wenn die Schule Gestaltungsspielräume als autonome Schule hat. Um Ansprüchen und Herausforderungen gerecht zu werden und eigene Handlungsspielräume im Zuge der Schulautonomie zu nützen, braucht es Veränderungs- und Entwicklungsprozesse am Schulstandort – Schulentwicklung eben. Die möchte ich mit meiner Erfahrung begleiten.

BVZ: Was braucht es, um die Bildungsqualität zu verbessern und die Chancen- und Geschlechtergerechtigkeit zu erhöhen?

Schermann: Eine „gute Schule“ schafft gelingende Bedingungen für das Lernen und die Erziehungsarbeit. Dafür benötigen wir klare Ziele bzw. einen verbindlichen Qualitätsrahmen, um die Bildungsqualität und die Chancen und Geschlechtergerechtigkeit zu erhöhen. Diesen Qualitätsrahmen kann man mit folgenden Schlagworten kurz zusammenfassen: 

  1. Lern und Lehrprozesse professionell gestalten
  2. Leistung feststellen und beurteilen
  3. Professionell zusammenarbeiten
  4. Beratung, Unterstützung und individuelle Fördersysteme entwickeln
  5. Ganztägige Schule gestalten
  6. Schulpartnerschaft gestalten
  7. Außenbeziehungen und Kooperationen pflegen
  8. Führung der Schule wahrnehmen
  9. Schule und Unterricht organisieren und entwickeln
  10. Schulentwicklung muss ergebnisorientiert sein. Dies zeigt sich einerseits in den erworbenen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler und andererseits an der Akzeptanz der Schulen nach innen und außen

Schule ist für mich EIN System, in dem der/ die Heranwachsende im Zentrum des Interesses steht.

BVZ: Im Pilot-Bildungsnetzwerk der Bildungsdirektion Burgenland arbeiten alle Schultypen und Vertreter der Wirtschaft sowie der Unternehmen auf regionaler Ebene partizipativ im Interesse der Zukunft der Kinder zusammen. Das ist in dieser Form einzigartig im Burgenland. Wie sieht die Zukunft der Bildungsnetzwerke aus?

Schermann: In den letzten Jahren war es mir besonders wichtig, unseren Schülern/Schülerinnen Einblicke in die Lebens- und Berufswelt zu eröffnen. So pflegen wir engen Kontakt zur Wirtschaft und zu den verschiedenen Institutionen (IV, AMS, BFI, AK), die aktiv im Schulalltag unterstützen bzw. einen wesentlichen Beitrag zur Schulentwicklung leisten. Wir arbeiten gemeinsam an Projekten und bieten Praktika an. Schule braucht Wirtschaft und Wirtschaft braucht Schule. Es ist deshalb wichtig, konsequent eng miteinander zu kooperieren. Mir ist es wichtig, diese Bildungsnetzwerke auszubauen, da ich in der Entwicklung dieser Bildungsnetzwerke als Schulleiter der Europäischen Mittelschule Oberwart ein wichtiger Motor war.

BVZ: Mit welchen pädagogischen Veränderungen werden Lehrer und Schüler in Zukunft konfrontiert?

Schermann: Technische Entwicklungen dürften den größten Anteil an möglichen Veränderungen ausmachen, wobei vor allem die Digitalisierung eine große Rolle spielen wird. Die Digitalisierung wird im Bereich der Individualisierung und der Förderkonzepte eine wichtige Rolle spielen. Ganztagsschulen werden stärker verbreitet sein als heute, weil diese Schulen der Berufstätigkeit der Eltern entgegenkommen. Ich vermute auch, dass es zu einer weiteren Aufwertung der Lehrerbildung bzw. Lehrerinnenfortbildung  kommen wird. Die Ausbildung der Elementarpädagoginnen und -pädagogen wird aufgewertet werden. Die Komplexität der Unterrichtsgestaltung wird aufgrund der Heterogenität der Schülerinnen und Schüler und der gestiegenen inhaltlichen Ansprüche wesentlich höher sein als heute. Dadurch wird das Arbeiten im Team immer wichtiger. Unterschiedliche Formen der Anerkennung von Leistungen (Kompetenzraster, Stärkenportfolios etc.) werden die traditionellen Zeugnisse ergänzen.

BVZ: Stärkenorientierung ist ja auch wichtig bei der Integration. Wie sieht es damit im Bezirk aus?

Schermann: Albert Einstein hat schon gesagt: „Jeder ist ein Genie! Aber wenn Du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.“ Leider richten wir immer noch viel zu viel Aufmerksamkeit auf die Defizite der Schülerinnen und Schüler. Hat der Schüler bzw. die Schülerin eine negative oder schlechte Beurteilung in einem Unterrichtsfach, wird meist auf dieses stark focusiert. Aus meiner Sicht entsteht Spitzenleistung aber auch gelungene Integration, wenn kontinuierlich an den Stärken gearbeitet wird und die Stärken kontinuierlich ausgebaut werden. Ich bin überzeugt davon, dass wir in unserem Bezirk viele gute Ansätze, vor allem in der Nachmittagsbetreuung entwickelt haben. Die Konzepte basieren darauf, notwendige Defizite auszugleichen, aber vor allem Stärken zu fördern.

BVZ: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir – was sagen Sie zu diesem beliebten Spruch?

Schermann: Stimmt!

BVZ: Welche Entwicklungen auf dem Schulsektor würden Sie gern aus der Ferne beobachten?

Schermann: Wenn Sie mit dieser Frage meinen, welche Entwicklung im Schulsektor mir nicht zusagt, wäre das die Entwicklung zur autoritären Schule. Merkmale einer solchen Schule sind, dass ein Großteil der Aktivitäten von der Schule bestimmt werden. Viele strenge Regeln, hohe Erwartungen, Belohnung und Bestrafung kennzeichnen diesen Erziehungsstil. Das Kind wird in seinem Verhalten und Denken gelenkt, entsprechend den Vorstellungen des Erwachsenen. Dabei werden häufig Befehle und Anordnungen an das Kind ausgesprochen. Die Pädagoginnen und Pädagogen respektieren nur geringfügig die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder, da sie ihnen meistens vorgeben, was sie tun sollen. Oft wird das Kind, wenn es autoritär erzogen wird, zurechtgewiesen und getadelt. Es besteht also eine klare hierarchische Struktur und das Kind ist den Erwachsenen untergeordnet. Autoritäre Systeme stellen mit diesem Erziehungsstil hohe Anforderungen an ihr Kind und geben ihm wenig emotionale Unterstützung. Durch die vorgegebenen strengen Regeln und Befehle hat das Kind keine Möglichkeit, sich zu entfalten und ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Genau diesen Selbstwert benötigen wir jedoch, um ein möglichst zufriedenes Leben gestalten zu können. Ich hoffe, dass ich eine solche Entwicklung nur aus der Ferne beobachten muss.