Vikar Andreas Binder erregt Aufmerksamkeit. Der junge Vikar Andreas Binder und seine Frau Melanie sorgen für Gesprächsstoff. Küsse im Pfarrergewand, Shitstorm im Netz und der tiefe Glaube – an die Liebe.

Von Vanessa Bruckner. Erstellt am 22. Juli 2020 (05:54)
Eine ganz normale Familie. Melanie und Andreas Binder mit ihren Töchtern Elisabeth und Johanna. „Ich bin auch altbacken, wenn man Marmelade einkochen als angemessene Tätigkeit für die Frau des Vikars sehen will“, lacht die Südburgenländerin.
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Schon in der Bibel steht geschrieben, du sollst deinen Nächsten lieben. Das war´s dann aber auch schon mit dem klassischen Bild von einem angehenden Pfarrer, wenn man Andreas Binder und seine Frau Melanie in Worte fassen will. 27 und 28 Jahre jung sind die beiden. Er stammt aus dem Nordburgenland und absolviert aktuell sein zweites Vikariatsjahr. Sie ist im Südburgenland aufgewachsen, hat Theologie, Germanistik, Psychologie und Philosophie auf Lehramt studiert und ist außerdem Vollzeit-Mama der beiden gemeinsamen Töchter Elisabeth und Johanna.

Kennengelernt haben sich die Binders in ihrer allerersten Theologievorlesung auf der Uni, geheiratet haben sie jung und „aus Liebe“, wie Melanie betont. „Ich war nicht ungewollt schwanger und nein, es ging auch nicht darum, dass wir keinen Sex vor der Ehe haben durften“, lacht die taffe junge Frau, die sich heute mit weit mehr als nur diesem Vorurteil herumschlägt.

„Die Kirche hat viele Gesichter“

Andreas und Melanie Binder leben Kirche 2020. Heißt: die beiden teilen ihren Beruf und Alltag, vor allem aber ihre Art des Glaubens, auch öffentlich via Soziale Medien. Da gibt´s leidenschaftliche Küsse des Ehepaares mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass Andreas sein „Pfarrergwandl“ trägt, oder Melanie einen sexy Lederrock. Fotos mit den Kids, die in der Kirche rumsausen und Live-Streams, wo die beiden nebeneinander im Bett liegen und über ihre Vision der Kirche in der heutigen Zeit philosophieren. „Das evangelische Eheverständnis ist, im Gegensatz zu anderen Religionen zwar sehr weltlich aber dennoch ist es das gute Recht von jedem Menschen, Kirche so zu leben, wie er das möchte. Als Theologen wollen wir Kirche moderner und offener gestalten und zu verstehen geben, dass jeder seinen Platz darin hat und finden kann“, so die 28-Jährige, die der festen Überzeugung ist „Die Kirche hat viele Gesichter und beschränkt sich nicht auf das Stereotyp vom alten Herrn Pfarrer.“

Mit seinen Beiträgen auf Sozialen Medien möchte das Ehepaar vor allem Gläubige abholen, die man nicht typisch in Gottesdiensten, Bibelstunden oder Kinderkreisen findet. „Die Kirche bleibt oftmals noch immer sehr unter sich und spricht vor allem junge Erwachsene kaum an. In den Jahren zwischen Konfirmation und Hochzeit sieht man diese Leute kaum in der Kirchengemeinde. Das würden wir gerne ändern“, bringt es Vikar Andreas Binder auf den Punkt. Dass es wiederum nicht allen Schäflein Gottes gefällt, wie das junge Ehepaar seinen Glauben lebt, haben die beiden auch schon erfahren müssen.

Melanie: „Im Netz hat es einen richtigen Shitstorm gegeben. Wir polarisieren auch innerhalb der Kirche, aber dabei geben wir uns gegenseitig Halt. Wir möchten zeigen, dass die Kirche lange nicht mehr so altbacken ist, wie man glaubt. Vor allem in Deutschland sind viele Pfarrerinnen und Pfarrer mittlerweile ganz offiziell im Internet unterwegs und nutzen Soziale Medien, um mit den Gläubigen in Kontakt zu bleiben.“

Kirche, das ist für die junge Familie Leidenschaft – mit all ihren Facetten. Und keine Liebe ohne Leidenschaft, so viel ist klar. Und wer den jungen Herrn Vikar und seine Melanie erst einmal kennenlernt, der weiß: Liebe ist überall. Vor allem aber ist Glauben der Grund für ein Leben aus Liebe und Freiheit.