Anna Leitner: Abschied nach 27 Jahren. Die Neufelderin Anna Leitner zieht einen Schlussstrich unter ihre erfolgreiche Karriere und sagt dem Profisport „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ Adieu.

Von Peter Wagentristl. Erstellt am 14. Mai 2020 (01:54)
Abschied. Anna Leitner beendet nach einem Meistertitel mit Atzgersdorf und einem Cup-Sieg mit Stockerau ihre Karriere.  Foto: 
zVg/a.c. schiffleitner

Auch im Handball wurde die aktuelle Saison aufgrund der Corona-Maßnahmen beendet und annulliert, es gibt keinen Meister, keine Auf- und Absteiger. Anna Leitner aus Neufeld war mit ihrem Club WAT Atzgersdorf auf Kurs Richtung „Final Two“, dem Showdown in der Meisterschaft und bereits fix im Cup-Finale. Doch daraus wird nun nichts.

„Corona hat mich um mindestens eine Medaille gebracht“, ärgert sich die 37-Jährige, die Handball spielt, seit sie zehn Jahre ist. Dennoch zeigt sie Verständnis für den Abbruch: „Irgendjemand ist immer unzufrieden.“ Damit bleibt WAT Atzgersdorf Titelverteidiger, ohne heuer Meister geworden zu sein. Ob der Erfolg 2021 wiederholt werden kann, hängt jedoch nicht mehr von der Neufelderin ab: Sie entschloss sich, ihre Karriere zu beenden. „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“, erklärt sie im Gespräch mit der BVZ.

Eigentlich wollte sie vor ihrem Abschied aus dem Profisport noch eine Medaille gewinnen. Dieses Ziel scheiterte nun nicht an ihrer sportlichen Leistung, sondern an Corona. Das macht das Karriereende natürlich schwerer. Kollegen und Freunde hätten ihr gesagt, es sei vielleicht ein Zeichen, nun doch noch weiterzumachen. Aber: „Für jeden Sportler ist die Karriere irgendwann zu Ende. Ich hab zwar mit dem Gedanken gespielt, aber habe mich nun bereits mental darauf eingestellt. Ich will aufhören, solange die Leistung passt und nicht, wenn es schon bergab geht.“

Der Steffen Hoffmann der Handballerinnen

Körperlich fühlt sich Leitner nach wie vor in Topform. „Ich bin viel am Rad, gehe regelmäßig laufen und mache Krafttraining. Da gibt es keine Defizite.“ Aber die Regenerationsphasen werden immer länger, erklärt die ehemalige Nationalteam-Spielerin. Sportlich habe sie sich altersbedingt weiterentwickelt: „Ich vergleiche mich gerne mit Steffen Hoffmann. Als Kapitänin bin ich in die Mitte gerückt, habe die Bälle verteilt und mit Pässen Akzente gesetzt.“ Auch für ihre Kolleginnen hat sie mehrere Rollen übernommen und war „Mannschafts-Mama, Physio- und Psychotherapeutin“, scherzt sie.

In ihrer Karriere hat sie mehr erreicht, als sie sich jemals erträumt hätte. Mit ihrem Ex-Verein Stockerau holte sie 2018 den Cup-Sieg. Vergangene Saison gelang schließlich mit WAT Atzgersdorf die Sensation, HYPO Niederösterreich wurde nach über 40 Jahren vom Thron gestürzt und als Meister abgelöst. Früher sei das Saisonziel immer Platz zwei oder drei gewesen: „HYPO zu schlagen war niemals eine realistische Option. Die trainieren zwei oder drei Mal täglich und haben internationale Top-Spieler und Trainer“, erinnert sie sich. 2019 gelang schließlich das Unmögliche, Leitner beendete als Kapitänin mit Atzgersdorf die Siegesserie der Rekordmeister. „Ich habe noch immer keine Worte dafür. Das war mein absolutes Karriere-Highlight.“ Zumindest muss sich Leitner also nicht vorwerfen, nicht alle ihre Ziele — und sogar noch mehr — erreicht zu haben.

Schmerzhaft sei am Karriereende nur, dass es nun keinen krönenden Abschluss in der Saison 2019/2020 gibt. Doch ohne eine feierliche Verabschiedung will sie nicht „Adieu“ sagen, derzeit gäbe es noch Gespräche über ein letztes Spiel. Dabei wird sie aber wohl nicht mehr selbst am Platz stehen. Angedacht ist etwa, beim ersten Match der neuen Saison Trainern, Kollegen und Fans Danke zu sagen und sich ein letztes Mal bejubeln zu lassen. Genauere Infos gibt es aber noch nicht, da es auch noch keinen Zeitplan für den Neustart im Handball-Sport gibt. „Im August könnte vielleicht das Training wieder starten, im September dann auch die Meisterschaft.“

Das neue Gefühl eines freien Wochenendes

Fix sei aber bisher noch nichts, als Indoor-Sport mit Körperkontakt wird Handball vermutlich erst bei den letzten Lockerungen wieder erlaubt werden. Details sollen in den nächsten Wochen folgen. Als Trainerin und Fan will sich die Neufelderin aber nicht gänzlich aus dem Sport und ihrem Verein zurückziehen. Bei den „alten Damen“ in einer unteren Liga etwa möchte sie noch weiter spielen. „Vielleicht bleibe ich Atzgersdorf auch als Trainerin erhalten“, so Leitner. Die C-Trainer-Lizenz hat sie bereits, weitere Ausbildungen will sie in den nächsten Monaten und Jahren anhängen. Fan bleibe sie sowieso: „Bei uns ist alles sehr familiär, man kennt sich. Unsere Fans sind überhaupt spitze, die unterstützen uns sogar bei Auswärtsmatches in Vorarlberg.“

Nun freue sie sich aber erst einmal auf mehr Freizeit: „Ich habe seit 27 Jahren jede Woche Handball gespielt. Ich weiß gar nicht mehr, wie es ist, ein freies Wochenende zu haben.“