Mit „Burgenland-DNA“ in ungeahnte Sphären. Der SV Lafnitz, der noch vor knapp 20 Jahren ganz unten im Amateurfußball kickte, überwintert auch dank südburgenländischer Kraft auf Platz eins in der zweithöchsten Liga.

Von Patrick Bauer. Erstellt am 13. Dezember 2020 (01:23)
Die Sportanlage des SV Lafnitz wird den Ansprüchen der 2. Liga gerecht, weshalb die Mannschaft nun auf der zweithöchsten Ebene Österreichs als
Silke Katschner

Es ist ein nebliger, verregneter Samstagvormittag in der Oststeiermark und die knapp 1.500 Einwohner zählende Gemeinde Lafnitz liegt Mitte Dezember da, als wäre einen Tag zuvor nichts wirklich Außergewöhnliches passiert. Ist es aber: Knapp 600 Kilometer entfernt sicherte sich der SV Lafnitz mit einem 4:1-Erfolg bei Wacker Innsbruck die Winterkrone. Nach 13 gespielten Runden steht die Elf von Cheftrainer Philipp Semlic auf Rang eins und bleibt dort zumindest bis zum Start ins Frühjahr im März.

Noch zur Jahrtausendwende war der SVL ein Verein wie viele andere auch. Gebietsliga Ost hieß die sportliche Destination, die eine Stufe höhere Unterliga das Sehnsuchtsziel. Nach und nach sollte sich das verschieben – in eine Richtung, die keiner erahnen konnte. Die Elektro-Firma Licht Loidl, die in Lafnitz und Umgebung (etwa auch im Burgenland) beheimatet ist, unterstützte den Klub finanziell und mit diesen wuchsen auch die Erwartungen.

Bernhard Loidl. Der Obmann hat den SV Lafnitz weit gebracht, in die Bundesliga soll es aber nicht gehen.
Silke Katschner

Spätestens 2009 und mit dem Einstieg von Firmenchef Bernhard Loidl als Obmann, sollten die Ziele andere werden. 2008/2009 feierte man den Aufstieg aus der Unter- in die Oberliga Süd. Lange blieb man nicht, denn schon zwei Jahre später ging es in die steirische Landesliga. Mit den Erfolgen wurde auch die Infrastruktur auf eine neue Ebene gehoben. Das alte Stadion, welches schon damals eine schicke Tribüne hatte, wurde erneuert und zu diesem auch die Anlage saniert. Man musste das tun, denn 2012/13 war man auch der Landesliga entwachsen und stieg in die Regionalliga Mitte auf. Plötzlich war man (fast) auf Augenhöhe mit dem Nachbarn aus Hartberg und nicht mehr mit Rohrbach, Vorau, Greinbach oder Eggendorf.

Schon früh war das Burgenland mit dabei

Immer irgendwie mit dabei? Burgenländer! Der jetzige Loipersdorfer Hannes Ritter etwa oder auch Kaltenbrunn-Legende Jochen Hafner und noch viele mehr, waren vorne federführend dabei, als es mit dem SVL nicht nur steil, sondern fast vertikal nach oben ging.

2017/18 folgte dann der nächste Meilenstein: Meistertitel in der Regionalliga Ost und der Gang in die zweithöchste Spielklasse Österreichs. Was keiner für möglich gehalten hätte, wurde mit Fleiß, gutem (Scouting)-Auge, Teamarbeit und sehr viel Aufwand bewältigt. Von Vorstands-Ebene wurde dabei eines immer vorgelebt: Das Familiäre sollte sich der SVL erhalten.

„Ganz ehrlich: Wenn der SV Lafnitz Gefahr läuft, in die Bundesliga aufzusteigen, passt in Österreichs Fußball irgendwas nicht.“ Bernhard Loidl, Obmann des SV Lafnitz

Und spricht man mit unseren Burgenländern, war das auch einer der großen Pluspunkte in der so überragenden Hinrunde. „Da passt einfach sehr vieles und es versteht sich jeder mit jedem“, sagt etwa Ex-Stegersbach- und Stinatz-Zangler Philipp „Pipo“ Siegl, der später mit Hartberg Bundesliga spielte, sich dann Richtung Horn veränderte, ehe wieder die Heimat in Form der Lafnitzer rief: „Wir haben 25 Kicker beim Training, wo jeder gleich viel zählt und sich jeder zugehörig fühlt.“

Philipp Siegl. Der 26-jährige Stinatzer ist eine Stütze beim 2. Liga-Winterkönig.
Silke Katschner

Aber nicht nur Siegl, auch die elf anderen Südburgenländer – zehn Spieler, Assistent Rainer Wohlmuth und Amateure-Trainer Klaus Guger – betonten das in den BVZ-Gesprächen explizit. „Ich bin nun sieben Jahre in Lafnitz und ganz ehrlich, der Schritt weg aus Pinkafeld fiel mir sehr schwer, aber bereut habe ich ihn nie“, meint etwa der Riedlingsdorfer Wohlmuth, der in all den Jahren immer als Assistent des jeweiligen „Chefs“ arbeitete und den Lauf hautnah miterlebt. „Was da am Freitag passierte, war unglaublich und nicht vorhersehbar“, erklärt er.

Platz zwölf sollte es in der 2. Bundesliga-Premierensaison sein, Rang acht 2019/20, ehe es nun zu diesem Sport-Husarenstück kam. „Es ist unglaublich“, sagt Obmann Bernhard Loidl, der anfügt: „Eigentlich ist das alles zu hoch für uns. Und ganz ehrlich: Wenn der SV Lafnitz Gefahr läuft, in die Bundesliga aufzusteigen, passt in Österreichs Fußball irgendwas nicht.“

Aufstieg? „Da fließt noch viel Wasser runter“

Bei noch 17 zu spielenden Runden übt man sich weiter in Understatement. Und fährt gut damit. „Da fließt noch so viel Wasser die Lafnitz hinunter“, sagt Cheftrainer Semlic angesprochen auf etwaige Bundesliga-Ambitionen und ergänzt: „Damit beschäftigen wir uns sowieso nicht.“ Demütig bleiben ist die Devise und weiter dranbleiben. Auch so etwas, was alle burgenländischen Beteiligten herausstrichen. „Wir haben uns das hart erarbeitet“, sagt Siegl und sein Coach pflichtet bei: „Wir wissen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, denn es steckt vom gesamten Trainerteam bis zu den Spielern einfach extrem viel Arbeit dahinter.“

SVL-Gesicht: regional und qualitativ stark

In die laut burgenländischen Ausführungen alle mit einbezogen werden. Egal, ob es die Amateure von Ex-Eberau-Meistermacher Guger sind, oder Führungsspieler der Ersten wie Patrick Bürger: Alle gehören dazu. „Die Amas haben in Lafnitz eine immens große Bedeutung und sie sind sehr nah an der Kampfmannschaft dran. Speziell für junge Spieler ist es ein extrem tolles Sprungbrett, weil sie sich auf sehr guter Bühne präsentieren können“, berichtet Guger, der nicht nur mit Eberau, sondern auch mit Oberwart in der Landesliga Meister wurde und dieses Sieger-Gen auch ins nah gelegene oststeirische Dörfchen mitnahm.

Dort, wo mittlerweile sehr viel südburgenländisch gesprochen wird. Loidl: „Das Burgenland spielt für mich schon seit 40 Jahren eine große Rolle, denn in Pinkafeld hatten wir damals schon eine Filiale. Sie haben einen großen Anteil am Erfolg.“ Ähnliches sagt auch Erfolgstrainer Semlic: „Die Südburgenländer sind für uns immens wichtig. Wir haben uns im Sommer zusammengesetzt und besprochen, wie wir dem SVL ein Gesicht geben können. Da spielte dann die Regionalität – und natürlich die Qualität – eine große Rolle. Das haben unsere Kicker.“ Nachsatz: „Ich habe erst zuletzt mit Patrick Bürger und Philipp Siegl darüber geplaudert, wie schade es ist, dass wir derzeit ohne Zuseher kicken müssen. Da fehlt definitiv etwas, auch weil wir wissen, wie begeisterungsfähig die Burgenländer sein können. Wir vermissen das alle sehr.“

Spätestens mit den Erfolgen wurde der SVL für etwaige Fußballtouren interessant. War es früher eher der TSV Hartberg, wo man sich guten Fußball ansah, ist längst auch Lafnitz in – nicht zuletzt wegen der vielen Burgenländer. „Es ist so immens schade, dass keine Fans kommen dürfen. Lafnitz ist ein super Einzugsgebiet fürs Burgenland und da wären zuletzt sehr, sehr viele gekommen“, so Siegl, der schmunzelnd ergänzt: „Wir bringen schon eine gewisse Burgenland-DNA mit hinein.“

Tolles Sprungbrett für die Bundesliga

Die sich sehr positiv auswirkt, wobei der Kader kaum regionaler aufgestellt sein könnte. So kickt kein Legionär im oft Gelb-Blauen-Trikot, sehr viele stammen aus der Umgebung und die weiteste Entfernung ist schon fast das Nachbarbundesland Kärnten. Man schätzt sich, man kennt sich, man kickt gerne zusammen. „Zufall ist das sicher keiner mehr“, berichtet auch der Riedlingsdorfer Fabian Wohlmuth, der nach dem Aus des SV Mattersburg dem Ruf seines Vaters Rainer folgte. Er findet auch Zustimmung bei Ex-Stegersbach-Zangler Thorsten Schriebl: „Natürlich war es nicht zu erwarten, dass wir so durchstarten, aber über den Herbst sah man schon, dass wir ziemlich souverän auftreten.“ Nur wie geht es weiter? Ein Bundesliga-Aufstieg sei laut Oberhaupt Loidl überhaupt kein Thema. Das tat er schon vor einigen Wochen kund und bekräftigte dies auch auf BVZ-Nachfrage: „Da spielen mehrere Faktoren mit. Die Infrastruktur zum Beispiel oder auch, dass wir eine Akademie stellen müssten. Es ist jetzt schon Wahnsinn, gegen welche Vereine wir spielen und gewinnen.“

Sportlich ist das Ende der Fahnenstange demnach bald erreicht. Viel mehr geht nicht. Dem ist man sich bewusst und dennoch bleibt man optimistisch und wird sich neue Ziele setzen. Die Ausbildung der Kicker etwa, die, wie Schriebl oder Siegl durchaus Bundesliga-Ambitionen aufweisen. „Ich war schon mal oben und es gibt nichts Besseres als gegen die großen Vereine Österreichs zu spielen“, so Siegl, der anfügt: „Wir beschäftigen uns zwar nicht mit dem Aufstieg, aber wir stehen gut da und wollen unserem Vorstand die Entscheidung so schwer wie möglich machen.“

Die Stand heute feststeht: kein Aufstieg nach oben. „Sicher nicht“, so Loidl über den 1964 gegründeten Verein, der (fast) ganz oben in Österreichs Fußball angekommen ist. Auch dank des Burgenlandes, das die SVL-Erfolgsgeschichte mitgeschrieben hat.